Der Schauspieler Alec Baldwin will sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen und nie wieder mit den Medien über sein Privatleben sprechen. Der 55-Jährige fühlt sich, wie er sagt, von Paparazzi verfolgt, als homophob abgestempelt und von Fans mit ihren allgegenwärtigen Handykameras gejagt. Baldwin ist nicht der einzige Schauspiel-Promi, der vom Leben im Scheinwerferlicht genug hat. Shia LaBeouf, bekannt aus Filmen wie Transformers oder Indiana Jones, erschien neulich auf der Berlinale mit einer Tüte auf dem Kopf. Darauf stand: "I am not famous anymore" – ich bin nicht länger berühmt.

Der Prominenten-Trend, zu verschwinden und sich nicht mehr über die neue Liebe oder die Last des Berühmtseins zu äußern, ist auf den ersten Blick überaus erfreulich. In einer Welt schweigender Promis gäbe es dann zwar immer noch Filme mit Veronica Ferres, aber nicht mehr den dazu passenden Veronica-Ferres-Satz: "Das war meine schwerste Rolle."

Doch die Vorfreude ist verfrüht, oder genauer: Sie ist egoistisch und gesellschaftlich höchst bedenklich. Denn die flächendeckende Berichterstattung über Prominente hat – ein weitgehend übersehenes Phänomen – friedensstiftenden Charakter. Indem jedem Normalo vorgeführt wird, dass sich der Promi mit exakt den gleichen Problemen herumschlagen muss wie er selbst, von Übergewicht bis falschen Partnern, kann er sein eigenes Leben im Schatten leichter ertragen. Besser noch: Durch den Aufstieg des promi without a cause – das Verona-Feldbusch-Daniela-Katzenberger-Kuriosum – kann sich der Nicht-Promi dem Promi neuerdings sogar überlegen fühlen. Motto: Ich bin zwar nicht bekannt, aber auch kein White Trash, und ich brauche weder Publikum noch Schönheitsoperationen, um mich wohlzufühlen. Und ich muss auch nicht Dieter Bohlen heiraten. Oder mich in Vox-Doku soaps zum blonden Dummchen machen. Wie schön!

Klicken Sie auf das Bild, um weitere Artikel der Serie "Gesellschaftskritik" zu lesen. © Frazer Harrison/​Getty Images

So trägt der sich mit allerhand Problemen herumschlagende Berühmte zu Frieden und Stabilität in der Gesellschaft bei. Schwiegen immer mehr dieser Leute einfach so, könnten wir Normalos uns nicht mehr mit unserem Leben versöhnen und würden aggressiv. Wenn Jenny Elvers sich das nächste Mal im Wollpulli mit ihrer neuen Liebe ablichten lässt, denken Sie einfach daran: Die gesellschaftliche Verantwortung unserer Promis besteht darin, sich öffentlich zu entblößen.