Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

ZEITmagazin: Normalerweise veröffentlichen wir an dieser Stelle keine Interviews. Danke, dass Sie sich zur Verfügung stellen, Herr Doktor Samsa.

Herr Doktor Samsa: Gerne.

ZEITmagazin: Sie sind Direktor des Zoos von Kopenhagen. Ihr Zoo hat vor einigen Jahren einen Shitstorm erlebt ...

Samsa: Unter meinem Vorgänger, ja. Der Kollege hat eine Giraffe töten lassen und sie vor Publikum an die Löwen verfüttert. Zoos sollen die Natur zeigen, tja, so läuft es in der Natur nun einmal. Fressen und gefressen werden. Der Tod gehört dazu. Der Tod soll kein Tabu sein. Das war die Idee.

ZEITmagazin: Die Empörung war riesig.

Samsa: Das hatte er unterschätzt. Giraffen sind Sympathieträger. Normalerweise verfüttert man Schweinefleisch, Rind, da ist die Akzeptanz des Publikums etwas größer. Die meisten essen ja selber gern Schnitzel, da kann man es dem Löwen schlecht verbieten. Irgendein Tier muss der Löwe fressen. Den meisten Leuten ist das klar.

ZEITmagazin: Aber es soll keine Giraffe sein.

Samsa: Auf keinen Fall. Wobei der Widerstand gegen das Verfüttern von Tieren insgesamt von Jahr zu Jahr gewachsen ist. Ich habe dann eine Idee gehabt, wie man unser Problem mit den Futtertieren elegant lösen kann. Wir haben die Futterwanze gezüchtet. Besser gesagt, gentechnisch hergestellt. Die Futterwanze ist, trotz des Namens, ein Säugetier, aber sie sieht wie ein großes Insekt aus, etwa so groß wie ein Schaf. Sie hat kein Fell, und Fühler. Wir haben beim Designen darauf geachtet, dass dieses Tier beim menschlichen Betrachter keinerlei positive Emotionen weckt. Das ist uns ganz gut gelungen, finde ich. Das Fleisch aber ist hervorragend.

ZEITmagazin: Und der Gestank ...

Samsa: Beeindruckend, nicht wahr? Den Löwen macht es nichts aus. Unsere Tierdesigner haben sich noch andere kleine Gimmicks einfallen lassen. Beachten Sie den grünen Schleim, der aus dem Tier permanent heraussickert. Und die Futterwanze gibt natürlich ständig diese Schreie von sich. Falls Ihnen das Geräusch bekannt vorkommt, es ist der Ton, der entsteht, wenn Sie mit den Fingernägeln über eine Schiefertafel kratzen. Keiner hält das lange aus.

ZEITmagazin: Die Proteste der Tierschützer gegen die Löwenfütterung haben nachgelassen.

Samsa: Erst mal, ja. Die Futterwanze verhält sich dem Menschen gegenüber durchweg bösartig, sie ist dabei definitiv unintelligent, extrem unreinlich, sie kotet alle drei bis vier Minuten und hat keinerlei Familiensinn. Jungtiere werden sofort verstoßen. Die Sexualpraktiken der Futterwanze sind so widerlich, dass ich nicht näher darauf eingehen möchte. Da stimmt einfach alles bei diesem Tier. Ich hätte nie gedacht, dass unsere Futterwanze jemals eine Lobby bekommt. Aber es ist passiert.

ZEITmagazin: Sie spielen auf die Proteste der Genfood-Gegner an.

Samsa: Es heißt, dass wir unseren Löwen in Gestalt der Futterwanze gentechnisch veränderte Lebensmittel geben, die nicht vorschriftsmäßig gekennzeichnet sind. Das sei Tierquälerei. Ich bitte Sie! Ein Löwe frisst doch nichts, was ihm nicht guttut.

ZEITmagazin: Als Ergebnis dieser jahrelangen Auseinandersetzungen werden demnächst alle europäischen Zoos geschlossen. Was passiert dann mit Ihren Tieren, Doktor Samsa?

Samsa: Wir versuchen, möglichst viele von ihnen in den Reservaten auszuwildern. Die Frage ist: Was wird aus unseren Futterwanzen? Wir haben Aufrufe gestartet, Anzeigen geschaltet, wir haben alles probiert, aber keiner möchte so ein Tier haben. Ich fürchte, wir werden nicht darum herumkommen, den gesamten Bestand zu töten. Dass mir als Zoologen da das Herz blutet, muss ich wohl nicht extra betonen.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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