Auch die Sozialversicherungsträger klagen heute immer häufiger die Haftpflicht der Hebammen ein. Deshalb zielt eine im Berliner Gesundheitsministerium diskutierte Lösung darauf ab, einen öffentlichen Fonds für die Summen bereitzustellen, die die Krankenkassen einklagen, um somit die Beiträge der Hebammen zu deckeln. Denn die schwarz-rote Regierung hat sich im Koalitionsvertrag verpflichtet, "eine flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfe sicherzustellen" und "für eine angemessene Vergütung" zu sorgen. Eine konkrete Lösung, wie etwa der Fonds, ist aber immer noch nicht spruchreif: Die Vorschläge der Arbeitsgruppe Versorgung mit Hebammenhilfe werden jetzt erst einmal geprüft.

Dabei muss die Regierung schnell handeln. Hebammen fehlen schon jetzt in Großstädten wie Hamburg und Frankfurt, in denen sie sich das teure Leben nicht leisten können. Zugleich sind die Wartelisten für Geburtshäuser deutschlandweit lang. Bei Katja Salatzki in Berlin melden sich viele Paare an, sobald sie einen positiven Schwangerschaftstest gemacht haben. "Es war uns sehr wichtig, in diesem besonders intimen Moment von einer vertrauten Person betreut zu werden und nicht von einem wildfremden Arzt", sagt auch die junge Mutter Jungeilges. Eine von den Krankenkassen und den Hebammenverbänden in Auftrag gegebene Studie bewies, wie sehr sich das deutsche Gesundheitssystem auf die Hebammen verlassen könnte: Bei außerklinischen Entbindungen wurden weniger Medikamente verabreicht, der Damm der Frauen riss seltener, und sie konnten früher wieder nach Hause zurückkehren. Und die Neugeborenen waren durchschnittlich genauso gesund wie die in einer Klinik geborenen Kinder.

Eigentlich wäre es also Zeit, mehr Geburtshäuser zu gründen. Der potenzielle Fonds allein wird die Not der Hebammen nur kurzfristig lindern. "Der Beruf der Hebamme muss sich fundamental wandeln, um zu überleben", sagt Katharina Jeschke vom Deutschen Hebammenverband. Dazu gehöre ein obligatorisches Studium. "Die Aufgabe ist so komplex, das medizinische Wissen der Hebammen enorm, das ist in einer dreijährigen Ausbildung kaum zu schaffen". Inzwischen bieten einzelne Fachhochschulen wie etwa in Bochum, Fulda oder Berlin einen Bachelorstudiengang Midwifery an. Doch der überwiegende Teil der Hebammen wird auch heute noch an den rund 60 Schulen in Deutschland über drei Jahre lang ausgebildet. Dabei hätten die meisten von ihnen das Zeug zum Studium: Obwohl nur die mittlere Reife obligatorisch ist, verfügen laut Jeschke mehr als 90 Prozent der Hebammen über ein Abitur. Mit einem Studium würden sie auch besser verdienen. Sie könnten, ebenso wie andere Berufsgruppen mit einer obligatorischen Haftpflichtversicherung wie etwa Chirurgen, ihre Prämien bezahlen, wenn ihr Verdienst ausreichend hoch wäre. Die deutsche Regierung aber mauerte zuletzt im Herbst 2013 in Brüssel gegen eine bessere Qualifizierung von Hebammen – aus Angst, dass dann das Ausbildungs- und damit auch das Lohnniveau in den Pflegeberufen steigen würde. Trotzdem verabschiedete das Europaparlament im vergangenen Oktober eine Direktive, die künftig eine zwölfjährige Schulzeit für Hebammen vorschreibt. Der Beruf wird also attraktiver und qualifizierter – wenn Deutschland es schafft, diesen grundlegenden Dienst an Familien wertzuschätzen.