Die meistverbreitete Twitter-Nachricht in den ersten Wochen dieses Jahres in Indien galt den Wahlabsichten einer pensionierten Polizistin. Kiran Bedi erklärte, dass sie bei den Parlamentswahlen im Frühjahr für den Kandidaten der Rechten stimmen werde. Nach weniger als einer Stunde war ihr Bekenntnis mehr als dreitausendmal re-tweetet, Fernsehen und Zeitungen berichteten darüber, und die Rechten trugen das kurze Statement wie eine kostbare Trophäe vor sich her.

Wer ist Kiran Bedi?

Wenige Tage vor ihrem politischen Outing steht Bedi auf der Tribüne im Kricketstadion von Bawana, einer verarmten Industrievorstadt von Delhi, 40 Kilometer vom Zentrum der Metropole entfernt: eine kleine, energische Frau, die immer ein wenig zu laut spricht. Unten auf dem Feld werden gleich Dutzende von Jungen und Mädchen Sackhüpfen spielen, in der Staffel laufen oder bollywoodmäßig tanzen – die Stipendiaten einer von Bedi gegründeten Stiftung, die Kinder aus benachteiligten Familien auf den geregelten Schulunterricht vorbereitet. Im Zuschauerblock neben der Tribüne stehen die Eltern, die beim Sportfest zusehen wollen – fast nur Mütter, gekleidet in die billigen bunten Saris der ärmeren Inderinnen. Plötzlich wird die Nationalhymne gespielt, die Kinder singen mit, und auf der Tribüne neben Bedi wird an einem kleinen Fahnenmast, der auch auf Sylt in einer Strandburg stecken könnte, die indische Nationalflagge hochgezogen. Kiran Bedi ist Sozialaktivistin, Chefin zweier NGOs, die mit Außenseitern wie Drogenabhängigen und Inhaftierten arbeiten; in Büchern, TV-Sendungen und Vorträgen predigt sie der schwerhörigen indischen Gesellschaft laut, dass Frauen dieselben Rechte haben und das Gleiche leisten können wie Männer. Sie ist auch Patriotin, glaubt an Recht, Ordnung und den Lohn harter Arbeit. "Politisch", sagt ein Funktionär einer Konkurrenzpartei, "war sie immer eine Rechte."

Kiran Bedi ist eine nationale Berühmtheit und Legende. 1949 geboren, war sie 1972 die erste Frau, die in Indien in den höheren Polizeidienst aufgenommen wurde und dort Karriere machte. Drei Jahre später setzte sie unter Kämpfen durch, dass sie bei der Parade zum Nationalfeiertag an der Spitze des Polizeikontingents marschieren durfte, den Säbel in der Hand – ihre Vorgesetzten hatten gefunden, das sei zu anstrengend für eine Frau. Als sie die Verkehrspolizei in Delhi leitete, erwarb sie sich den Spitznamen "Kran Bedi", weil sie falsch geparkte Autos ohne Rücksicht auf den VIP-Status ihrer Besitzer abschleppen ließ; einmal war sogar der Wagen der damaligen Premierministerin Indira Gandhi darunter. Sie holte ihre Beamten aus den Polizeiwachen und verteilte sie in den Wohnvierteln, damit aus den Obrigkeitsdarstellern endlich Dienstleister werden, die sich um die Sicherheit ihrer Nachbarschaft kümmern.

Anfang der neunziger Jahre hat sie das Tihar-Gefängnis reformiert, einen gigantischen, mit fast 10.000 Insassen vollkommen überbelegten Komplex, in dem die Lebensbedingungen unvorstellbar waren. Korruption und Brutalität der Wärter waren an der Tagesordnung. Sie ließ die Analphabeten unter den Häftlingen lesen und schreiben lernen, sorgte mit Meditationsübungen statt Prügel für Disziplin, und als sie für ihre Arbeit 1994 auf den Philippinen mit einem hoch dotierten panasiatischen Preis ausgezeichnet wurde, feierten daheim im Gefängnis die Insassen ihre Direktorin. Was für eine Frau konnte das in einer bis heute zutiefst patriarchalischen Gesellschaft schaffen?

Sie wollte zeigen, dass sie kann, was die Männer können

Kiran Bedi empfängt in ihrem Büro im Souterrain eines Hauses im bürgerlichen Süd-Delhi, umgeben von den Auszeichnungen ihrer Lebensarbeit. Es ist eine Art privates Fernsehstudio, bildschirmgerecht sitzt Bedi hinter ihrem Schreibtisch. Ein Fernsehteam war gerade hier, eins wird noch erwartet. "Von meiner Herkunft her bin ich eine Ausnahme", sagt sie, "ich hatte eine Ausnahme-Laufbahn, ein Ausnahme-Leben." Ihre Eltern hatten nur Töchter, vier Mädchen, die alle eine Ausbildung bekamen; die eine wurde Künstlerin, die andere Psychologin, die dritte Juristin. Es ist eine Geschichte, in der die Solidarität der alten indischen Familie mit der Offenheit für eine neue Zeit zusammentrifft: Als Bedi im Polizeidienst mit Rund-um-die-Uhr-Bereitschaften und Versetzungen durchs ganze Land Karriere machte, war ihre Mutter da, um sich um die kleine Tochter zu kümmern. Kiran Bedi brauchte das Band zu ihrer Herkunft nicht zu zerreißen, um sich zu befreien. Sie konnte es dehnen, es hielt sie nicht mehr gefangen, aber es hielt sie noch fest – das ist die "Ausnahme", der Unterschied zu den normalen Frauenbiografien ihrer Generation. Sieht sie sich als Vorbild, als Rollenmodell für indische Frauen? "Das müssen andere entscheiden", sagt Bedi.