Es ist nicht schön, mitanzusehen, wenn ein Intellektueller erst von der Furcht gepackt und dann vom Unverstand übermannt wird. Hans Magnus Enzensberger, einem der einflussreichsten Denker der Gegenwart, ist das gerade widerfahren. Öffentlich riet er: Wer nicht von Google, Apple und diversen Geheimdiensten überwacht werden wolle, solle sein Handy wegwerfen.

Ein bisschen erinnert dieser Ratschlag an die ersten Tage der Eisenbahn vor 150 Jahren. Kaum fuhr der erste Zug von Nürnberg nach Fürth, empfahlen Ärzte, man solle einen meterhohen Bretterzaun links und rechts der Strecke bauen, damit die Menschen beim Anblick einer Dampflok nicht in Ohnmacht fallen.

Wegsehen. Wegwerfen. Boykottieren. Das hat schon damals nicht geholfen und wird auch heute zu nichts führen. Bloß weil ein Bürger, und sei er noch so prominent, sein Handy wegwirft, verschwindet das Internet nicht.

Zudem beruht die Furcht auf falschen Annahmen: Europäer seien den amerikanischen Internetkonzernen – und damit dem US-Geheimdienst – auf Dauer ausgeliefert. Denn es gebe in Europa keine erfolgreichen Digitalunternehmer, also keine technologische Kompetenz. Zugleich fehle eine selbstbewusste Digitalpolitik, die hiesigen Regierungen versagten. Bürger und Verbraucher hätten keine Wahl. Doch mit jedem Tag stimmt diese Sicht der Dinge weniger, mit jedem Tag sind Verbraucher in Europa den Internetkonzernen, ihrem Oligopol in den Verbraucher- und Werbemärkten, weniger unterworfen. Wenn sie sich ein wenig umschauen.

Wer wissen will, wo europäische Digitalunternehmer ebenbürtig sind, sollte nächste Woche einfach zur Computermesse Cebit in Hannover fahren. Da kann man sie treffen, die Entrepreneure, nur darf man nicht enttäuscht sein, wenn sie nicht glamourös daherkommen. Mal dienen ihre Produkte der alltäglichen Kommunikation, mal sind es digitale Konsumgüter. Doch ebendort wurzelt ja auch die viel beklagte Dominanz und damit die Datensammelei amerikanischer IT-, Internet- und Softwarefirmen: in Diensten für den digitalen Alltag.

Das Tempo der Innovationen bietet Neulingen immer wieder Chancen

Noch vor wenigen Jahren schien es etwa, als beherrsche der Computerkonzern Apple die Musikbranche nahezu nach Belieben. 80 Prozent aller digitalen Musik auf der Welt wurden über den zu Apple gehörenden Onlineshop iTunes verkauft. Und heute? Heute wächst das sogenannte Streaming rasant, bei dem der Kunde keine Lieder kauft, sondern eine Flatrate für den Zugang zu einer umfassenden Musikbibliothek zahlt. In Norwegen erwirtschaftet die Musikindustrie damit bereits zwei Drittel ihrer Umsätze, und der erfolgreichste Streamingdienst der Welt, Spotify, stammt aus Stockholm. Doch kaum sind die Schweden so weit gekommen, müssen sie sich ihrerseits schon wieder junger Konkurrenten erwehren, die das Entdecken von Bands in den Mittelpunkt ihrer Software gestellt haben. Vorreiter ist SoundCloud mit rund 250 Millionen Nutzern, und ihren Sitz hat die Firma – in Berlin.

Apple ist inzwischen in der Musikindustrie nur noch einer unter vielen, und ähnliche Geschichten lassen sich über Computerspiele, den E-Commerce, Bürosoftware, E-Mail-Programme und andere Dienstleistungen erzählen.

Dass Apple trotzdem der wertvollste Technologiekonzern an den Börsen ist, liegt auch daran, dass er mehr Geld hortet als jeder andere (159 Milliarden Dollar). Diese Summe täuscht nur leicht darüber hinweg, wie schnell aus der genialen Idee eines Programmierers und Star-Unternehmers ein allgemein verfügbarer Baustein der digitalen Welt wird. Wie wenig sicher sich die Marktbeherrscher sein können. Das Tempo der Entwicklung, der Innovation, bietet Neulingen immer wieder eine Chance.

Man kann es auch anders sagen: Ein Internet ohne Amerika, ohne Apple, Google und Co., ist denkbar. Ob es wünschenswert ist, wird sich daran entscheiden, wie die US-Konzerne mit ihren Kunden und deren Daten umgehen, sprich, wie sie auf ihre neue Konkurrenz aus Europa reagieren.