Im alten Europa gehen zwei neue Gespenster um, die uns vom Fluch des Digitalen erlösen sollen. Das eine ist der Etatismus, den die französischen Könige im 17. Jahrhundert erfunden haben, das andere das Biedermeier des 19. – und das im 21., wo die technische Revolution etwas schneller läuft als die Postkutsche.

Der Staat möge sich wie weiland die Post (dann Telegraf und Telefon) nun das Internet, den neuen Daten-Highway, greifen und digitale Schlagbäume aufstellen. Zweitens Industriepolitik betreiben, "europäische Champions" hochziehen, die Google und Facebook entmachten. Nur so könne Europa NSA & Co. das Schnüffeln vergällen und die Amerikaner Respekt lehren.

Das Neo-Biedermeier empfiehlt Hans Magnus Enzensberger, der kluge deutsche Weltversteher. Das Handy mögen wir wegwerfen, statt der "Strompost" die Postkarte nutzen (für die Papierpost haben sich freilich schon Metternichs Spione interessiert). Nix mehr bei Amazon kaufen, Facebook kippen, die Kreditkarte knicken.

Der Reflex ist anheimelnd, das Rezept ist es nicht – wiewohl uns das Biedermeier herrliche Möbel verschafft hat. Leider sind dabei auch Büchner, Heine und Marx geflohen. Gewiss kann man elektronische Schlagbäume an Europas Grenzen aufstellen, aber NSA, GCHQ und DGSE interessieren sich nicht für die Mail, die von Altona nach Aarhus geht, sondern für den Verkehr mit Arabien, China und Russland. Der wird dann in den Unterwasserkabeln angezapft. Oder im All. Und die EU zahlt Abermilliarden für ein eigenes Netz, wo allein die europäischen Dienste wühlen – nicht unbedingt ein Freiheitsgewinn.

Ein "Euro-Google"? Hatten wir. Es hieß "Minitel" und wurde von Paris mit Milliarden gepäppelt, bis es 2012 auf dem Schrott landete. Vorher aber hatte dieser "nationale Champion" Frankreichs Internet-Know-how um Jahre zurückgeworfen. Ein "Gesichtsbuch" haben wir schon. Es heißt "StudiVZ" und hat eine Million Mitglieder. Facebook hat 1,2 Milliarden. Die Moral: Netzwerke sind entweder global oder (fast) nichts.

Überdies lassen sich auch nationale Netze aufräufeln – von Kriminellen wie von der Kripo. Bleibt die Frage, ob der Neo-Etatismus, diese Mischung aus Abkapselung und Staatsknete für den Digital-Kapitalismus, Europa zu seinen eigenen Apples und Microsofts verhelfen würde. Was ist aus Bull (Frankreich) und Olivetti (Italien) geworden – oder aus dem Möchtegern-Computerriesen Siemens? Umgekehrt begann der Quasi-Staatskonzern AT&T erst richtig zu florieren, als der Telefongigant von Washington zerschlagen wurde. Heute sind die "Baby-Bells" größer als die einstige Mutter. Google ist in Stanford, Facebook in Harvard entstanden – nicht im Keller des US-Wirtschaftsministeriums.

Heute beherrschen sie die Welt, aber nicht weil sie von Washington, sondern weil sie von dir und mir gefüttert werden. Das ist ihr Geschäftsmodell, und wir sind Teil der Verschwörung. Germano-Google würde genau so funktionieren, also Geld mit unseren Daten scheffeln. Bloß ist das Internet auch der beste Feind der heutigen Kolosse, wenn es denn frei für die nächsten Sergey Brins und Mark Zuckerbergs bleibt – auch für das nächste SAP (Walldorf). Und wenn nicht? Dann zurück in die Biedermeier-Zukunft: nur noch Cash und Schneckenpost. So lernen die Kids wenigstens wieder Schönschrift.