Lasst uns länger arbeiten! – Seite 1

Shiro Tsukada ist froh. Eigentlich hätte er vergangenes Jahr, wie das in Japan so üblich ist, mit 61 in Rente gehen müssen. Doch dank einer Gesetzesänderung hat er kürzlich doch noch einen neuen Vertrag von seinem Arbeitgeber erhalten. "Ich wollte unbedingt weitermachen", sagt der Angestellte des Gewerkschaftsbunds Zenroren. "Vor allem aus finanziellen Gründen." Jetzt bekommt Tsukada zwar etwas weniger Geld, als er es gewohnt war, muss dafür aber auch nur drei Tage pro Woche ins Büro. Besser als nichts, sagt Tsukada, schließlich wolle er sozial aktiv bleiben.

Seit April 2013 greifen in Japans Pensionsrecht neue Regeln, um die lange gerungen worden war. Das reguläre Renteneintrittsalter hat der Gesetzgeber von 60 auf 61 Jahre angehoben, bis 2025 wird es schrittweise auf 65 Jahre steigen. Hinzu gekommen sind Verpflichtungen für Unternehmen, ihre Angestellten auch über das Renteneintrittsalter hinaus beim Weiterarbeiten zu unterstützen.

Wer das Eintrittsalter von nun an erreicht und wie Shiro Tsukada nicht aufhören will mit der Arbeit, hat daher nun bessere Chancen auf Beschäftigung. Der Arbeitgeber kann sich aussuchen, wo und wie er seine in die Jahre gekommenen Mitarbeiter weiterbeschäftigt. Die Regeln betreffen viele Menschen: Schon heute ist ein Viertel der knapp 128 Millionen Einwohner Japans über 60, bis 2025 wird es ein Drittel sein.

Ein Teil der Japaner hat das Ergebnis des Rentenstreits allerdings nur zähneknirschend hingenommen: Anders als in Europa, wo vor allem die Arbeitnehmer gegen einen späteren Eintritt in die dritte Lebensphase sind, haben sich in Japan bislang die Unternehmen quergestellt. "Für unsere Betriebe wäre es unbezahlbar, einfach nur das Alter anzuheben", sagt Kazuo Endo. Er selbst hat schon graues Haar, sitzt im 20. Stockwerk eines riesigen Bürogebäudes im Zentrum Tokios, in dem Nippon Keidanren residiert, Japans mächtige Wirtschaftslobby.

"Noch viel deutlicher als in anderen Ländern bestimmen sich die japanischen Gehälter eben durch das Alter der Arbeitskraft", sagt Kazuo Endo. Den Eintritt in die Rente hinauszuzögern würde also zu höheren Gehaltsrechnungen der Betriebe führen, argumentieren sie.

Japans Arbeitskräfte sind fest entschlossen, nicht aufzuhören: Die jüngste entsprechende Umfrage des Premierminister-Büros ergab 2008, dass acht von zehn Japanern über das 65. Lebensjahr hinaus weitermachen wollen. Das durchschnittliche Alter, in dem man in Japan aufhört, gegen Bezahlung zu arbeiten, liegt für Männer bei 70 und für Frauen bei 67 Jahren – und damit deutlich über dem offiziellen Pensionsalter. Auch deshalb ist Japan untypisch. Die Einwohner der meisten reichen Länder treten bisher schon vor dem offiziellen Alter in den Ruhestand.

Zwar gilt das Prinzip, dass ältere Mitarbeiter deutlich höher bezahlt werden als Junge. Aber für viele ist das Leben im Ruhestand dann kaum finanzierbar. "Momentan erhält unser durchschnittlicher Pensionär insgesamt 150 000 Yen im Monat", sagt Fujiko Moriguchi von der Vereinigung Japanischer Pensionäre, umgerechnet rund 1200 Euro. In ihrer Familie gibt es einen Pflegefall, die Probleme, die man hat, wenn das Geld nicht reicht, kennt sie gut. "Wenn man ein Haus besitzt und kerngesund ist, genügt die Rente gerade zum Leben. Aber wer Miete zahlen muss, für den ist das mit allen anderen Rechnungen schon nicht mehr machbar", sagt sie. Bis zu 30 Prozent der Kosten für Arztbehandlungen müssen etwa von Patienten selbst getragen werden, was gerade im hohen Alter oftmals teuer wird.

Länger leben, länger härter arbeiten

Außerdem betrifft auch Japan ein Trend, der auf der ganzen Welt zu beobachten ist. "Die Bereitschaft der jüngeren Generationen, ihre Eltern zu pflegen, hat in den letzten Jahrzehnten nachgelassen", sagt Naohiro Ogawa, der an der Nihon-Universität in Tokio über Altersökonomie forscht. "Und Pflegeheime sind sehr teuer."

Mehr als ein Fünftel der Japaner, die über 65 Jahre alt sind, lebt laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus diesen Gründen in Einkommensarmut. In den jüngsten Finanzkrisen haben die Menschen zudem große Teile ihrer Ersparnisse verloren. Auch deshalb steigt seit Jahren die Kriminalitätsrate in dieser Altersgruppe. Erst im November bestätigte ein Bericht des Justizministeriums diesen Trend. Täglich sind auf Tokios Straßen auch ältere Menschen zu sehen, die scheinbar sinnlos Zebrastreifen oder Baustellen bewachen, um noch ein bisschen Geld zu verdienen. Mit den flexibleren Rentenregeln soll sich diese prekäre Lage verändern. Immerhin 60 Prozent des vorigen Einkommens erhalten weiterbeschäftigte Ältere von Unternehmen.

Allerdings ist ungewiss, wie vielen Menschen dies langfristig helfen wird. Rund ein Drittel der japanischen Arbeitsbevölkerung ist heute freiberuflich tätig oder in befristeten Werksverträgen beschäftigt. Diese Gruppe ist also nirgends angestellt, daher könnte es für sie auch schwieriger werden, im Alter eine Arbeit zu finden; selbstständig weiterarbeiten können sie natürlich.

Auf das Rentensystem ist langfristig allerdings auch kein Verlass. Schon heute zahlen nur noch 57 Prozent in die Kasse ein. "Die Beiträge sind zwar verpflichtend", sagt Bevölkerungsökonom Ogawa. "Aber sie brächten allen nach 1950 geborenen Kohorten weniger ein, als sie zahlen müssten. Das ist ein saures Investment, die Leute wissen das."

Immerhin: Kazuo Endo von der Wirtschaftslobby ist mit dem neuen Renteneintrittsalter zufrieden. "Wir haben jetzt eine flexible Lösung gefunden, mit der wir viel mehr Menschen beschäftigen können. Bei unserer demografischen Entwicklung nimmt das Angebot älterer Arbeitskräfte eben zu. Darauf mussten wir reagieren." Mit anderen Worten: Die Mehrheit der Älteren wird künftig länger arbeiten dürfen, dafür aber weniger verdienen.

Eine Entwicklung, die so ähnlich auch auf Europa zukommen könnte. Angesichts steigender Lebenserwartungen und vielerorts wenig nachhaltiger Rentensysteme veröffentlichte die OECD im Jahr 2006 eine Analyse unter dem Titel Live Longer, Work Longer: Länger leben, länger härter arbeiten. Die Analyse war ein Plädoyer für einen späteren Ruhestand, gegen den sich in den meisten Ländern die Arbeitskräfte stemmen. In Japan ist das anders. "Wir wollen grundsätzlich länger arbeiten", sagt Shiro Tsukada. "Aber von unseren Einkünften wollen wir dann auch leben können."