Es ist die Geschichte einer Attacke, die einen Journalismus zeigt, der sich der Ausleuchtung des Charakters verschrieben hat. Worum geht es? Am 21. Januar 2012, in der Hoch-Zeit der Wulff-Affäre, schaltet sich eine dänische Zeitung in die Berichterstattung ein. Ein ehemaliger Schulfreund wolle, so heißt es hier, "das nächste Kapitel in der Skandalgeschichte um den Bundespräsidenten" präsentieren. Wulff habe nämlich vor deutlich mehr als 30 Jahren, um Schülersprecher zu werden, seine Mitschüler bestochen. Die Älteren hätten Geld bekommen, die Jüngeren Süßigkeiten. After-Eight-Plätzchen, um genau zu sein. Deshalb sei für ihn der Mann nur der After-Eight-Politiker. Kaum ist der Artikel erschienen, kursiert er im Netz, wird übersetzt, kommentiert. Blogger attackieren Christian Wulff als charakterlos. Eine Art Fahndungsaufruf kursiert: "Irgendwelche ehemaligen Mitschüler von Christian Wulff unter meinen Lesern, die das bestätigen können?! Ha-ha ..." Aber die Onlinefahndung kommt zu spät, denn zu diesem Zeitpunkt haben in Deutschland längst die Reporter seriöser Medien begonnen, im Umfeld von Wulffs ehemaligen Mitschülern zu recherchieren. Unter ihnen ist auch ein mehrfach preisgekrönter Korrespondent der Financial Times Deutschland, einer Zeitung, die ein paar Monate später eingestellt werden wird. Vielleicht ist es die Mischung aus Existenzangst und der allgemeinen Raserei um den nächsten Scoop in einer allmählich ausgeleierten Debatte über den fragwürdig agierenden, immer neue Empörungsreize liefernden Bundespräsidenten, die diesen Journalisten seine Chance wittern lässt. Wenige Tage nachdem der Artikel in der dänischen Zeitung erschienen ist, schreibt er Wulffs Anwalt, fragt an einem Freitagabend um 18.17 Uhr mit allen Zeichen der Dringlichkeit, ob all dies wirklich stimme. Auch ein weiterer Korrespondent der Zeitung und ein Ressortleiter sind zu diesem Zeitpunkt offenkundig mit der Geld-und-After-Eight-Geschichte befasst und wollen ebenfalls schriftlich von Wulffs Anwalt informiert werden. Wenige Stunden später, um 22.24 Uhr, dann eine neue Anfrage desselben Journalisten. Man habe "weitere Informationen erhalten". Nun heißt es, Wulff habe einen Mitschüler schon vor etlichen Jahrzehnten gebeten, über die Süßigkeiten-und-Kleingeld-Story zu schweigen, dies am Rande eines Parteikongresses. Ob auch dies zutreffend sei. Der Subtext dieser monströs peinlichen Enthüllungsrecherche: After-Eight-Bestechung in Tateinheit mit Vertuschungsversuch im Süßigkeitenmilieu. Antwortfrist: Sonntag, spätestens 13 Uhr.

Wie gesagt, aus alldem ist öffentlich nicht wirklich etwas geworden, aber dieser versuchte Angriff auf eine Person in einem hochnervösen, seltsam toxischen Klima wechselseitiger Aufwiegelung ist ein Symptom. Es zeigt, dass die Frage nach dem character problem – längst Standard in den USA – die Qualitätsmedien des Landes erreicht hat und der Skandalisierungsversuch zum Integritätstest geworden ist. Und tatsächlich vergeht kaum ein Tag, an dem Politiker und Prominente nicht öffentlich auf ihre charakterliche Eignung getestet – und abgestraft werden. Die Familienministerin Manuela Schwesig schläft in ihrem Ministerium, so war kürzlich zu hören. Angeblich um Geld zu sparen. Ist das nicht Indiz ihrer Knausrigkeit, Manifestation ihres Wesens? Alice Schwarzer hat Steuern hinterzogen. Man muss dies als schweren Fehler sehen – aber ist ihr Vergehen auch ein Indiz für ihren Charakter? Die tageszeitung nimmt diese Geschichte zum Anlass, mit einer Frau abzurechnen, die eigentlich immer schon viel zu laut war und ihren "Eigenvorteil maximiert hat". Ein Autor der ZEIT hält Schwarzer eine Neigung zum Rufmord vor. Der Spiegel lanciert das Gerücht, sie habe ihre Mitarbeiterinnen ausgebeutet und schlecht bezahlt – eine Tatsachenbehauptung, die sich allerdings, wie man selbst eingestehen muss, bis Redaktionsschluss nicht mehr wirklich erhärten ließ. Immerhin kann man, auch das fügt sich bruchlos in das Charakterbild von der herrischen Frau, noch berichten, dass bei einem Interview, obwohl auch die Reporterin erkältet war, eine ihrer Mitarbeiterinnen nur ein Hustenbonbon für Alice Schwarzer gebracht habe, nicht aber für die ebenfalls hustende Journalistin. Was für eine Gemeinheit! In jedem Fall heißt die Botschaft: Diese Frau ist durch. Grundsätzlich erledigt. Und dies nicht nur, weil sie Steuern hinterzogen hat, sondern weil sie charakterlich als untauglich ausgesondert werden muss.

Im Eifer solcher Ad-hoc-Diagnosen werden die Konturen eines Charaktertest-Journalismus sichtbar, der die eigenen Übergriffe als dringend gebotenen Entlarvungsauftrag maskiert und möglichst missgünstig interpretierte Details zum schwerwiegenden Persönlichkeitsbefund umdeutet. Es handelt sich um einen publizistischen Enthemmungsmechanismus und ein Genre der gezielten Personenkritik, die die Matrix zur Bewertung des Politischen zugunsten des Persönlichen und Moralischen hinter sich gelassen hat und letztlich auf die investigative, genauer gesagt: die pseudoinvestigative Ausleuchtung des inneren Menschen zielt. Man will, gestützt vom Glauben an die eigene Fähigkeit zur Wahrheitserkenntnis, vor aller Augen ein Charaktergeheimnis lüften, grimmig und entschlossen, ohne falsche "Ehrfurcht vor der Maske", wie Nietzsche sagen würde. Am Ende gilt es, eine womöglich widersprüchliche Gesamtpersönlichkeit auf die Essenz zusammenschrumpfen zu lassen und den Wesenskern eines Menschen – einer Trophäe gleich – in der Öffentlichkeit zu präsentieren: Seht her, die nackte Seele! Die gesamte Enthüllungsidee wirkt nicht nur entschieden unpolitisch, sondern basiert auf einem letztlich vormodernen Rollen- und Selbstverständnis, weil doch vorausgesetzt wird, dass Menschen überhaupt einen festen, ihr Handeln dominierenden Wesenskern besitzen, nicht aber vielfältig und widersprüchlich sind, auf den unterschiedlichsten Bühnen in unterschiedlichster Weise unterwegs, sich selbst und anderen prinzipiell unzugänglich, oft gleichermaßen stark und schwach, klug und dumm, moralisch und unmoralisch. Und doch ist das Spiel der öffentlichen Charakterdeutung seltsam unangreifbar, kaum widerlegbar. Ein paar Zitate, eine suggestiv aufbereitete Szene, die systematische Nichtberücksichtigung bei der Hustenbonbonverteilung – und schon gerät die subjektive Beschreibung irgendwelcher Details zum scheinobjektiven Totalurteil über eine Person, zum Instrument einer schmutzigen Psychologie, die bei genauer Betrachtung von der These lebt.