Ein paar Straßen von unserem Haus entfernt gibt es ein Möbelgeschäft. Stapelweise Teppiche und Kissen, dazwischen stehen Holzschränke und Lampen. Ich bin öfter dort, meistens nur zum Stöbern. Diesmal sagt der Besitzer: "Heute musst du etwas kaufen."

"Warum?", frage ich.

"Seit Tagen war kein Kunde hier. Es ist zu kalt draußen, und ich glaube, die meisten Ausländer haben Angst."

"Vielleicht wird’s im Sommer besser."

"Hoffentlich, nach den Wahlen! Bis dahin will niemand sein Geld ausgeben."

Seit einem Monat steckt Kabul im Wahlkampf. An Strommasten, Haustüren und Plakatwänden kleben übergroße Gesichter. Sie gehören den Männern, die Afghanistan nach Hamid Karsai regieren wollen, elf Kandidaten mit ihren Stellvertretern. Einige von ihnen würden wir in Deutschland ohne Weiteres Schwerstkriminelle nennen.

Meine Freunde und Bekannten setzen auf:

Aschraf Ghani (Ex-Finanzminister, Ex-Weltbankmitarbeiter, tritt mit dem Milizenführer Raschid Dostum als Vizepräsident an – der seiner Vergangenheit den Spitznamen "Schlächter" verdankt);

Salmai Rassul (Ex-Außenminister, enger Vertrauter Karsais, 70 Jahre alt, aber unverheiratet, spricht nur eine der zwei Landessprachen);

Abdullah Abdullah (kämpfte gegen die Sowjets, Karsais größter Herausforderer bei der letzten Wahl, guter Freund des ermordeten Volkshelden Massud).

Fremde Leute nach ihrem Favoriten zu fragen gilt als unhöflich. Im Möbelgeschäft versuche ich es also über Umwege.

"Glaubst du, nach den Wahlen wird es besser?", frage ich.

"Ach, was weiß ich schon von Politik", schmettert der Verkäufer mich ab.

Wie führt man Wahlkampf in einem Land, das zu den korruptesten der Welt zählt? In dem Stimmen schon seit Monaten verkauft werden? In dem Männer die Wahlkarten ihrer Frauen und Töchter abgeben dürfen und diese Wahlkarten aus Rücksicht auf die Kultur kein Passbild brauchen?

Die offiziellen Grundregeln des Wahlkampfs: Es gibt einen Startschuss (Anfang Februar) und ein Ende (48 Stunden vor der Wahl, die für den 5. April geplant ist). Bis dahin darf jeder Kandidat höchstens 130.000 Euro für seine Kampagne ausgeben. Im Prinzip zumindest.

Es gibt TV-Duelle mit begrenzter Redezeit, ähnlich wie in Deutschland, nur dass mehr Redner eingeladen sind. Einer wirbt damit, mehr junge Leute in die Regierung zu bringen, ein anderer verspricht, das Sicherheitsabkommen mit den USA zu unterschreiben. Karsais Bruder, der auch antritt, liest von einem Blatt Papier ab.

Fast alle Kandidaten werben im Netz. Abdullah Abdullah twittert selbstbewusst unter @AfgPresident. Ein Bild zeigt ihn telefonierend in einem braunen Ledersessel. Dunkler Anzug, Seidenschal, weißes Einstecktuch, zurückgekämmte Haare. Fehlt noch das Whiskyglas, und er würde als Don Vito Corleone durchgehen.

Ein Video auf Facebook. "Warum Aschraf Ghani wählen?", fragt der Sprecher. Dann antworten eine Lehrerin, Studenten im Park, ein Kioskbesitzer hinter der Ladentheke, ein Jugendlicher im Fitnessstudio, eine Näherin mit Lippenstift und Lidschatten, ein Geschäftsmann vor seinem Laptop, Schüler auf der Straße, ein Taxifahrer, der sein Auto wäscht. Niemand trägt traditionelle Kleidung – keine Burka, kein Turban.

Die Kandidaten bringen sich in Stellung, ihre Feinde auch. Es gab bereits ein Attentat auf Ismail Chan, Provinzgouverneur von Herat, der für den islamistischen Hardliner Abdul Rasul Sajaf als Vizepräsident antritt. Ein Unterstützer Aschraf Ghanis wurde verwundetet, zwei Helfer von Abdullah Abdullah wurden getötet. Die meisten Ausländer verlassen das Land während der Wahl.

Im Möbelgeschäft versuche ich es noch mal: "Gehst du wählen?", frage ich den Verkäufer.

"Klar", sagt er, "das ist meine Pflicht."

Dann wechselt er das Thema.