Eine frische, noch nicht eingesungene Stimme im Chor der Kriminalliteratur kommt aus Paris. Karim Miské wurde 1964 in Abidjan an der Elfenbeinküste als Sohn einer Französin und eines Mauretaniers geboren und ist in Paris aufgewachsen. Nach dem Journalismusstudium in Dakar drehte er Dokumentarfilme über Taubheit und religiösen Fanatismus. Gleich drei Fundamentalismen hat Miské in den Plot-Topf seines sofort mit dem Grand Prix de la Littérature Policière ausgezeichneten Krimidebüts Entfliehen kannst du nie geworfen. Im Mordfall Laura mischen Salafisten, Chassiden und Zeugen Jehovas mit. Taub und stumm sind auch etliche seiner Immigrantenfiguren. Unsichere Menschen, die sich in ihren religiösen Weltanschauungen verschanzt haben – so betrachtet es Miskés Kommissar Mercator mit olympischer Gelassenheit.

Der Originaltitel Arab Jazz ist eine Hommage an James Ellroy. Ahmed, Miskés beeindruckender stummer Held, ein traumatisierter Träumer marokkanischer Herkunft, liest Tag und Nacht Kriminalromane. Als Therapie: "Das Grausen und die manchmal krankhafte Phantasie anderer Menschen helfen ihm, die Ungeheuer zu kontrollieren, die sich in seinem Schädel verstecken." Die Ungeheuer außerhalb des Schädels machen sich bemerkbar, als Ahmed auf den Balkon tritt. Von oben tropft Blut herab. In der aufgebrochenen Wohnung der Nachbarin entdeckt Ahmed einen Schweinebraten und Laura, der man den Unterleib zerschnitten hat. Trotz Depression und medikamentöser Dämpfung reagiert Ahmed, wie es ihn die Krimis gelehrt haben. Er rührt nichts an, taucht ab und beschließt, Lauras Tod aufzuklären.

Auch die Kriminalisten, die auf diesen initialen Trivialschock angesetzt werden, sind Geschöpfe aus dem Kosmos der Kriminalliteratur. Wie somnambule Kollegen von Fred Vargas’ Commissaire Adamsberg treten die Lieutenants Rachel Kupferstein und Jean Hamelot auf, zudem sind sie ebenfalls Krimifans. Dass die drei Nerds nicht in Insideranspielungen verdorren, sondern tatkräftig Kontur gewinnen, verdanken sie der Konfliktdynamik, die Miské und sie vorantreibt. Hinter der Ermordeten waren nicht nur Salafisten (der Schweinebraten!) her. Ihre Familie hat ihr die Flucht aus der Überwachungsdiktatur der Zeugen Jehovas nicht verziehen. Der multikulturelle Stadtteil La Villette brodelt. Junge Immigrantenmusiker haben sich in phrasendreschende Prediger verwandelt. Im benachbarten 18. Arrondissement herrscht zudem eine Clique abgebrühter Flics, und aus dem chassidischen Milieu New Yorks wird die Superdroge Godzwill importiert. Diese Gemengelage zwingt Miské zu wasserfallartigem Erzählen und zum Verzicht auf ambitionierte Mätzchen. Die Geschehnisse stürzen in Kaskaden auf die Leser ein, erfreulich wenig reguliert durch Ermittlungsvorschriften und Aufdeckungsregularien des Genres. Psychoanalyse, Träume und Reaktionsschnelligkeit – aufgeboten wird alles, was hilft, um klarzukommen. Wie einst Jerome Charyn hat hier ein Einwandererjunge zum Krimi gegriffen, um die Faust zu ballen.