Forschen und Leben retten

Alfredo Zurlo, 51, arbeitet in der Pharmaindustrie

"Mein Vater war Internist und leitete später ein Krankenhaus. Ich wusste nach der Schule nicht, welches Studium ich wählen sollte. Ich war vielseitig begabt, Architektur und Literatur gefielen mir. Die Wahl des Berufs ist ja eine Entscheidung fürs Leben. Ich hörte aber auf meine Eltern und wählte Medizin. Allerdings hatte ich nie vor, eine eigene Praxis zu führen, ich wollte in die Forschung und an einer Uni-Klinik arbeiten. Eigentlich dachte ich immer, ich würde als Professor an der Uni bleiben. Ich habilitierte an der Universität in Rom und spezialisierte mich auf Onkologie und Radiotherapie. Nebenbei habe ich als Arzt für die Caritas gearbeitet, Obdachlose und Flüchtlinge behandelt. Später ging ich nach Belgien, um als Berater für Krebsbehandlungen in einem europäischen Forschungsverbund zu arbeiten, der European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC). Das war für mich der Übergang in die Pharmabranche. Als junger Arzt habe ich einen solchen Weg nie in Erwägung gezogen. Bis ich merkte, dass ich dort sehr viele Möglichkeiten habe. Sicher, die Pharmaindustrie hat einen klaren ökonomischen Fokus, weniger Freiraum als eine Universität. Aber während man an der Uni auch winzige Studien zu seltenen, unbekannten Krankheiten macht, habe ich bei einem pharmazeutischen Unternehmen mehr Ressourcen, kann an Studien von höherer Relevanz mitwirken. Ich habe einige Jahre für die Roche AG in der Schweiz und in Frankreich gearbeitet. Dort konnte ich ein Medikament für die Behandlung fortgeschrittener Krebserkrankungen entwickeln. Weniger als eins von 100 Medikamenten schafft es überhaupt bis zum Patienten. Aber wenn es gelingt, kann das wirklich etwas bewirken. Natürlich bedankt sich kein Patient persönlich bei mir und kommt mit einer Flasche Rotwein im Labor vorbei. Aber ich kann mit meiner Forschung Leben retten. Heute gehöre ich dem medizinischen Vorstand der Mologen AG in Berlin an und entwickle Medikamente für eine Krebsimmuntherapie."

Tuğsal Moğul, 44, schreibt Theaterstücke und führt Regie

"Seit ich 16 Jahre alt bin, spiele ich Theater. Aber die Naturwissenschaften haben mich auch schon immer gereizt. Ich entschied mich, Medizin zu studieren, weil es mir zur Existenzsicherung geeigneter erschien. Nach dem Physikum bewarb ich mich an einer staatlichen Schauspielschule – und wurde prompt genommen. Die Schule riet mir, zunächst ein Urlaubssemester einzulegen und die Medizin nicht gleich aufzugeben. Nach neun Jahren hatte ich zwei Abschlüsse. Als meine Schauspielkollegen zu den Vorsprechen bei Intendanten reisten, absolvierte ich mein Praktisches Jahr an einer Klinik in Hannover. Ich bildete mich zum Anästhesisten und Notfallmediziner weiter. Und neben der Arbeit im OP hatte ich immer mal zwei, drei Drehtage als Schauspieler. Aber als Arzt wurde ich mit meinen 1,68 Meter und den dunklen Haaren nie besetzt. Entweder spielte ich den kleinkriminellen Täter oder das Opfer. Die Realität im OP ist offenbar fortschrittlicher als die Drehbücher fürs Fernsehen. Ich begann eine Art Doppelleben, arbeitete als Schauspieler und nahm unbezahlten Urlaub, um in einem Stück von Tschechow mitzuwirken. 2008 gründete ich die Gruppe "Theater Operation" und schrieb meine eigenen Stücke. Eines heißt Halbstarke Halbgötter – ich erzähle darin, was ich über die Jahre als Arzt erlebt habe. Mich beschäftigt das Innenleben eines Arztes sehr. Die Bühne dient mir dabei als Vergrößerungsglas, ich kann reflektieren, wofür im Krankenhaus nie die Zeit blieb, mich mit ethischen Fragen der Patientenverfügung oder der Transplantation auseinandersetzen, mit Menschen in Grenzsituationen. Was mich am Theater und an der Medizin interessiert, ist der Mensch, physisch und psychisch. Mein Berufsleben als Arzt macht meine Arbeit als Autor und Regisseur erst authentisch. Nun, da ich merke, dass ich Erfolg mit meinen Stücken habe, reizt mich die Arbeit auf der Bühne mehr als das Ziel, Oberarzt in der Anästhesie zu werden. Es laufen gerade mehrere Stücke von mir auf deutschen Bühnen, ich schreibe an neuen Stoffen, will aber nicht ausschließen, irgendwann wieder hauptberuflich als Arzt zu arbeiten."

Der Artikel wurde für die Online-Ausgabe aktualisiert.