Glaskunst ist der allerschlimmste Kitsch. Hört oder liest man das Wort, denkt man fast zwangsläufig an Objekte, die magnetisch Staub anziehen, Dinge, die man ob ihrer filigranen Hässlichkeit sofort der Fürsorge eines Altglascontainers anheimgeben möchte. Die schrillfarbenen und doch transluzenten Briefbeschwerer zum Beispiel, mit denen die Touristen heutzutage in den Gassen um den Markusplatz in Venedig belästigt werden. Andererseits findet man unter den einst auf der venezianischen Insel Murano entworfenen und gefertigten Glasobjekten auch wahre Wunderdinge, an denen man sich kaum sattsehen mag.

Die Vasen, Schalen und Trinkgläser des Carlo Scarpa etwa. Nach dem Krieg wurde Scarpa (1906 bis 1978) zu einem der wichtigsten Architekten und Architekturlehrer Italiens. Während des Faschismus hatte er sich in die Manufakturen von Murano zurückgezogen. Von 1932 an arbeitete er für die Manufaktur Venini, bis 1947 war er hier künstlerischer Direktor und experimentierte mit dem Glas. Er hat diesem Material eine so unterschiedliche Form, Farbigkeit und Haptik geschenkt wie kaum ein anderer.

Bewundern kann man das in den auf Glas spezialisierten Auktionshäusern wie Quittenbaum (München) und Dr. Fischer (Heilbronn), wo regelmäßig Objekte aus Murano versteigert werden: Am 15. März etwa wird bei Dr. Fischer – neben Glas aus diversen anderen Epochen und Ländern – auch eine Vase Corroso a bugne zum Schätzpreis von 6.000 bis 8.000 Euro versteigert. Scarpa entwarf sie 1936 für Venini, in einer Form, die so gar nicht dem damaligen Zeitgeist in Italien entsprach. Im Auktionskatalog scheint in der fachmännischen Beschreibung zwar nicht der – auch fotografisch nur schwer einzufangende – ästhetische Zauber dieses Objekts auf, es lässt sich dafür aber die hoch spezialisierte Handwerksarbeit erahnen, die es zu dessen Fertigung brauchte: "Farbloses dickwandiges Glas, innen gelblich-grau unterfangen. In Zangenarbeit geformtes Nuppenrelief (a bugne). Die äußere Wandung fleckig geätzt (corroso)." Der Auktionskatalog verschweigt das Produktionsjahr der Vase. Vergleicht man aber die geätzte Signatur der Vase – "venini murano ITALIA" – mit den im Werkverzeichnis der Scarpa-Entwürfe aufgeführten, jeweils zu unterschiedlichen Zeiten benutzten Varianten des Ätzstempels, so müsste das bei Dr. Fischer angebotene Exemplar irgendwann zwischen 1945 und 1966 produziert worden sein.

Das Heilbronner Auktionshaus bietet auch eine längliche Schale an, die ebenfalls von Scarpas innovativem Stil zeugt: Das laut Auktionskatalog um 1940 entstandene Stück hat ein chaotisches, ja fast schon psychedelisches Muster aus roten und schwarzen Glasplättchen, dessen Erfindung man eher einige Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg vermuten würde.

Bereits vergangene Woche veranstaltete das Münchner Auktionshaus Quittenbaum eine ausschließlich mit Murano-Glas bestückte Auktion, in der mehr als ein Dutzend Entwürfe von Carlo Scarpa aufgerufen wurden. Auch hier konnte man auf eine Vase Corroso a bugne bieten, allerdings in Rosa. Das teuerste Los war eine Vase aus dickem, klarem Glas, in das mithilfe der von Scarpa entwickelten Sommerso-Technik blaue und violette Spiralbänder eingeschmolzen sind. Durch winzige Luftbläschen gewinnen die Farbbänder eine schön undurchsichtige Plastizität. Das seltene Stück war auf 30.000 bis 40.000 Euro geschätzt, es fand sich jedoch zu diesem Preis kein Käufer.

Erstaunlicherweise konnten bei Quittenbaum viele der Murano-Objekte nicht versteigert werden. Der Kreis der wirklich fanatischen Murano-Sammler sei im Vergleich zu anderen Sammelgebieten wie dem Jugendstil-Glas eher klein, sagt Askan Quittenbaum, der Geschäftsführer des Hauses, und so sei der Erfolg einer solchen Auktion sehr von dem Einsatz dieser Sammler abhängig. Der Rekordpreis für ein Glasobjekt von Scarpa wurde 2012 bei Christie’s in Paris gezahlt: 241.000 Euro kostete damals eine rot und schwarz lackierte Vase von 1940 (inklusive Aufgeld des Auktionshauses). Ein Grund, warum sich die Sammler diesmal bei Quittenbaum zurückgehalten haben könnten, ist die anstehende Versteigerung der Sammlung des langjährigen Glashändlers Barry Friedman von 25. bis 27. März bei Christie’s in New York. Friedman handelte nicht nur mit Glas, er verfügte auch über ein legendäres Privatlager, von dem er sich jetzt zum großen Teil trennt. Vor dieser wichtigen Auktion wollten sich wohl einige der internationalen Sammler nicht anderswo finanziell verausgaben.

Das ist ein Glück für all diejenigen, die keine Rekordpreise zahlen wollen oder können und die vielleicht nur eine einzige Vase glücklich macht. "Murano-Glas ist wegen der günstigen Preise derzeit ein Käufer-Markt", sagt auch Askan Quittenbaum, der sich über höhere Preise sicher freuen würde. Noch bis zum 27. März kann man bei ihm die nicht versteigerten Objekte im sogenannten Nachverkauf erwerben. Darunter etwa auch Scarpas Entwurf Tessuto, eine elegante Vase mit gerader Wandung aus farblosem Glas, auf das Bänder mit dünnen, grün-weißen und grün-violetten Fäden aufgelegt sind (3.000 Euro Limitpreis). Schon für einen Limitpreis von 350 Euro kann man sich Scarpas kleine Vase Mezza filigrana mit nach Hause nehmen. Und sich dann beim wöchentlichen Entstauben über die Kunst dieses venezianischen Architekten freuen.