Wenn heute Freitag oder Samstag wäre, könnte man auf eine Home-Party gehen, um Mädchen kennenzulernen, sich zu besaufen und zu kiffen. Home-Party heißt, dass irgendein armes Schwein sein Haus der totalen Vernichtung preisgibt. Bier dauert zu lange, also Wodka her, und natürlich kennt jeder sein Limit, auch wenn er zu Hause nur Apfelsaft trinken darf (Cola ist zu süß). Mich selber ergriff noch nie die Lust, besoffen durch die Straßen zu ziehen oder in meiner eigenen Kotze aufzuwachen, Zigaretten finde ich auch weitgehend uninteressant, da sie scheiße schmecken und man am nächsten Morgen Halsschmerzen hat. Ein schlechte Alternative zur Zigarette ist die Shisha, die ja so unglaublich gesund sein soll, zumindest sagen das alle, die eine Shisha haben, obwohl sie natürlich genauso kacke für die Lunge ist, nur dass sie halt nach Erdbeere oder so schmeckt. Ziemlich viele Jugendliche wollen auch so schnell wie möglich Gras ausprobieren, da es dieses völlig harmlose Image hat, grün und naturell, eine Biodroge aus Pflanzen und ganz ohne Chemie. Ich habe allerdings schon so ein paar Typen kennengelernt, bei denen man das Gefühl hat, dass sie sich das Hirn weggekifft haben. Woran man das merkt? Ganz einfach. Erstens: Sie erzählen dir meist, ohne dass du danach fragen musst, dass sie dauernd kiffen. Zweitens: Sie brauchen unglaublich lange, um irgendetwas zu sagen. Drittens: glasiger Blick und Antriebslosigkeit. Das Allerbeste ist, wenn man mit seinen Eltern über so was reden will, bieten sie einem sofort an, ob man nicht zusammen im Garten eine rauchen wolle.

Klar, super, Mama, gerne!

Im Ernst? Irgendwie nicht. Und da wären wir ja auch schon beim nächsten Thema: deine Eltern. Sie sind schuld daran, dass du jetzt auf der Erde wandelst, sie wollen immer nur das Beste für dich, und egal, was du tust, sie lieben dich immer noch. Das kann ganz schön nerven. Erst waren sie deine engsten Verbündeten und deine Vorbilder, doch seit der Pubertät ist alles anders. Plötzlich sind sie deine schlimmsten Gegenspieler, wenn es darum geht, cool zu sein, und auch sonst stehen sie immer im Weg. Sie wollen dauernd wissen, wo du hingehst, verbieten dir, die Filme zu gucken, die all deine Freunde gucken dürfen, und weigern sich, dir das neue Call of Duty-Spiel zu holen, das alle aus deiner Klasse spielen, das Spiel sei zu brutal. Und wo wir gerade davon reden, deine Computerzeit wird fortan auf eine Stunde verkürzt, weil Zocken angeblich die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt, dabei schauen sie selber die ganze Zeit auf ihr Handy und versuchen, mit ihren großen, ungeschickten Fingern die Home-Taste von ihrem iPhone zu drücken. Aber egal. Beim neuen Saw- Film kannst du nicht mitreden, weil du ihn nicht sehen darfst, bei League of Legends wirst du nicht besser, weil du nur eine Stunde am Tag spielen darfst. Und du wirst nie erfahren, wie es bei The Big Bang Theory weitergeht, nur weil du Fernsehverbot hast. Die Konsequenzen, die solche Entscheidungen für ihre Kinder haben, sind Eltern meist nicht bewusst. In manchen Gruppen in der Schule kann man wegen so einem Scheiß schon als Außenseiter gelten, und das wollen die Eltern ja eigentlich auch nicht. Wenn das Kind sehr viel Pech hat, kommt es aus einem ganz strengen Haushalt und muss auch noch mithelfen und immer viel lernen. Belohnungen wie Filme gucken oder Computerspiele sind selten, außerdem muss das Kind immer pünktlich zu Hause sein. Kommt ein solches Kind in die Pubertät, gibt es meist richtig Stress. Es will mehr über sich bestimmen dürfen, Kleidung selber kaufen, einen eigenen Stil entwickeln, eigene Musik hören. Nicht immer diese langweiligen Nirvana oder Johnny Cash, richtige Mucke muss her, Bushido, Kollegah, Haftbefehl und so weiter. Aber keine Sorge, diese Phase sollte nicht lange andauern, da man die zehn Vokabeln, auf denen die Texte basieren, irgendwann mal kennt und satthat: Prada, Lambo (Lamborghini), Nutte, Hurensohn, Babo (Boss), reich, geil, verfickt und schließlich ficken, fick dich. Aus diesen paar Wörtern lassen sich erstaunlich viele Lieder kombinieren, aber spätestens mit 16, 17 kennt man die alle. Spätestens dann entwickelt sich normalerweise auch so etwas wie ein Schamgefühl, das es unmöglich macht, solche schönen Lieder laut zu hören. Aber davor kann die Situation sehr stark eskalieren. In der Pubertät wird das Kind zu einem selbst denkenden Menschen, und ohne Kampf funktioniert das nicht. Wie ein Land, das für seine Unabhängigkeit kämpft. Was dann besonders nett ist, wenn man dieses kleine blaue Buch auf dem Nachttisch seiner Eltern findet: Pubertät – wenn Erziehen nicht mehr geht. Darunter in klein: Gelassen durch stürmische Zeiten. Von Jesper Juul.

Vor dem inneren Auge das Bild: ein riesiges Bücherregal, so hoch wie das Empire State Building (Schwindel). Daneben auf einem Thron Jesper Juul und vor ihm eine riesige Menge an hilflosen Eltern, die alle von weit her gekommen sind, um seine Ratschläge zu hören. Der große Juul furcht seine Stirn und erhebt dann die Stimme: "Dies betrifft euch alle, woher ihr auch kamt, hört mir zu!" Das Gemurmel in der großen Bibliothek verstummt, alle Eltern schauen wie gebannt zu ihm auf: "Ich habe einen Weg gefunden, all euer Leid zu heilen ... Kauft alle meine Bücher, und studiert sie gut, denn sie sind der einzig wahre Weg."

Um ehrlich zu sein, habe ich mir das Buch dann doch noch angeguckt. Scheint ein ganz netter Typ zu sein, der unsere Eltern mit einfachem und effektivem Rat unterstützt: sich Zeit für seine Kinder zu nehmen. Sie ernst zu nehmen.

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Andererseits ist das Buch auch ein gutes Zeichen, denn anscheinend sind die Eltern schon arg verzweifelt, und man steht kurz vor dem Sieg. Es ist jetzt schon spätabends, und der Durchschnittsschüler sitzt an seinem Tisch und müht sich mit den Mathe-Hausaufgaben ab. Mit Mathe ist nicht zu spaßen, es ist das einzige Fach, wo Abschreiben nichts hilft, da man, falls man die Hausaufgaben an der Tafel erklären muss, den Lösungsweg können muss. Das ganze Abschreiben hat sich übrigens sehr vereinfacht, da man einfach eine Gruppe bei WhatsApp aufmachen kann, und einer fotografiert seine Hausaufgaben, und alle schreiben ab. Was natürlich zu unangenehmen Situationen führen kann, wenn alle in Deutsch dieselbe Geschichte vorlesen müssen. Das perfekte Fach zum Abschreiben ist Latein, es gibt unzählige Seiten mit Übersetzungen im Internet. Viel helfen in der Lateinarbeit tut es einem natürlich nicht, wenn man immer nur abgeschrieben hat. Egal, es ist zehn Uhr abends, und die Zeit ist zu knapp, um jetzt noch irgendeine Übersetzung zu machen. Völlig verwirrt, erschöpft und müde fällt der Schüler in sein Bett, doch morgen beginnt das Grauen von Neuem.