Ihren großen Auftritt hatte Neneh Cherry zuletzt als Postergirl. Im Video der schwedischen Sängerin Robyn fing die Kamera ihr Bild ein, das die Wand eines Jugendzimmers schmückt. Entzückt blickten wir auf das Mädchen Neneh mit den Korkenzieherlocken, das über Nacht weltberühmt geworden war, mit dem alle Genres verlachenden Song Buffalo Stance und dem Culture-Clash-Album Raw Like Sushi . Ende der Achtziger war das, Neneh Cherry hat seitdem zahlreiche Spuren hinterlassen. Das Video der weit jüngeren Robyn spielt uns nur eines jener Artefakte zu, mit denen Neneh Cherry bis heute durch das Spukschloss des Pop geistert. Als "Ikone des Cool" kehrt sie knapp 20 Jahre nach ihrem Welthit 7 Seconds gerade wieder ins kollektive Gedächtnis zurück. Warum das zur richtigen Zeit passiert, erzählt ihr neues Album Blank Project.

Wenn Neneh Cherrys Stimme über den von Beats durchlöcherten minimalen Elektronik-Parcours fährt, den der britische Produzent und Remixer Kieran Hebden für sie angelegt hat, will erst einmal keines der Poster aus dem Jugendzimmer im Video dazu passen. "Leave me alone, but don’t leave me lonely", klagt die Sängerin im Titelstück, dazu wummern die Synthesizer wie ein schlecht geerdeter Plattenspieler. Sparsamst-Musik, die nach dem goldenen Schnitt der Klangphilosophie gebaut wurde und im selben Moment eine immense Unruhe stiftet. Blank Project ist ein Album wie eine Selbstauskunft: Neneh Cherrys Worte kreisen rastlos um Depressionen und Verunsicherungen, die Sängerin, die in ein paar Tagen 50 wird, betreibt eine Art Selbstfindung im Selbstzweifel. "Entwaffnung" nennt sie das im Interview: sich von Erwartungen und Chartseroberungswünschen trennen. Und doch: Während sie in einem Stück an den Tod der Mutter erinnert, wächst aus ihren wuchernden Gefühlserkundungen ein universaler Elektrogospelhit. So verstörend und so verbindend zugleich klingt keine zweite Musik 2014.

Man hat in den letzten Jahren nur noch in Randspalten von ihr Notiz genommen, als Gastsängerin bei anderen. Selbst auf den Familienplatten des Cherry-Clans, die ihr Mann Cameron McVey veröffentlichte, blieb sie im Hintergrund. Arg still war der Abschied vom Pop-Zirkus ausgefallen, den sie einmal in maximaler Lautstärke betreten hatte. Irgendwie gab es sie noch, mitspielen im Pop-Konzert der Großen wollte sie aber nur zu ihren eigenen Bedingungen. Und so geriet es ein wenig in Vergessenheit, das quecksilbrige Hip-Hop-Girl mit der Riesen-Dollar-Halskette, das mit einem Auftritt als Hochschwangere in die Annalen der britischen TV-Show Top Of The Pops eingehen sollte. Von den beiden Brit Awards, die sie gewann, ließ sie einen wieder einschmelzen, um ihn als Schmuckstück dem Rapper Jazzie B zu schenken, der den Preis ihrer Meinung nach verdient gehabt hätte. Sie kreuzte Hip-Hop, Soul, Pop und Jazz in immer neuen Kombinationen, als der Begriff Cross-over noch keine Karriere gemacht hatte. Ihre eigene Karriere stand Neneh Cherry da schon im Weg.

Von Anfang an probte Cherry sich in der Rolle der Pop-Nomadin, die in musikalische Zeitströmungen eintauchte und diese in dem Moment wieder verließ, da sie ihr keine Herausforderung mehr boten. Nach der müden Radioproduktion Man aus dem Jahr 1996 zog sie die Reißleine. Sie war gerade zum dritten Mal Mutter geworden und verschwand ins Familienleben. "Ich besitze eine eingebaute Allergie gegen Wiederholung, Mainstream-Musik hat mir keine Heimat für längere Zeit gegeben", sagt sie. "Ich hatte nicht genügend Raum, meine Arme auszustrecken." Und doch war das Familienleben der Cherrys die ganze Zeit über ein Rückhalt: Da gab es Menschen in ihrem Umfeld, die in ihrer Kunst lebten und sie in jedem Moment weitergeben konnten.

Neneh Cherry hat dieses Leben als großen Lernprozess begriffen. Aufgewachsen ist sie mit den Free-Jazz-Eruptionen ihres Stiefvaters Don Cherry, der mit Ornette Coleman gespielt und später den Afrobeat entdeckt hat. Zur Selbstbestimmung ermuntert wurde sie von ihrer Mutter Moki Karlsson, einer Künstlerin und Textildesignerin. Die Cherrys, eine Patchworkfamilie aus dem Bilderbuch der Libertinage, machten die Hauptstädte des Pop zu ihren Wohnsitzen. Sie zogen von Stockholm nach London und New York und wieder zurück. Statt die Schulbank zu drücken, ließ Neneh sich von Miles Davis im Tourbus ihres Stiefvaters die Sprache des Jazz erklären und zog mit ihrer besten Freundin durch Clubs, in denen gerade die Kulturschocks der Stunde notiert wurden. Mit 14 fing sie an, Gedichte zu schreiben, Bass zu spielen und sich die Haare rot zu färben. "Mit Punk habe ich gelernt, meine Wut und meine Irritation voller Selbstvertrauen in die Welt zu tragen. Das hat mein Leben gerettet."

Wen wundert es, dass die vielen Comeback-Artikel über Neneh Cherry in den Geschichtsbüchern des Punk wildern: Punk ist nun einmal das Initiationserlebnis für die Generation Ü 50.

Die Spuren des Blank Project reichen bis zur Geburt des Postpunk Ende der 1970er, jener kurzen Ära, als der Punkrock sich von seiner Rock-Vergangenheit trennte und in einem babylonischen Gewirr von Einflüssen eine neue Haltung fand – darunter Dub, Dancefloor, die spirituellen Momente des Jazz. Die 16-jährige Neneh Cherry betrat diesen Freiraum einmal als Sängerin für eine frisch gegründete Boheme-Band mit dem Namen Rip, Rig + Panic. Im Blank Project wird der Aufbruch nun erneut hörbar, frei übersetzt nach Neneh Cherry, zusammengeschraubt aus den digitalisierten Erinnerungsfetzen ihrer eigenen Punk- und Jazz-Geschichte. Das Korkenzieherlockenmädchen aus dem Jugendzimmer war bloß ein Warnschuss, Neneh Cherry hat sich als Mama Cool des Pop gerade noch einmal neu aufgestellt. Wenn eine die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann, dann sie.