Pankaj Mishra ist 45 Jahre alt und lebt in London, wo er mit einer Engländerin verheiratet ist, und im Himalaya in einem kleinen, weltverlorenen Dorf in den Wolken. Auf der Leipziger Buchmesse wird er am kommenden Mittwoch für sein jüngstes Buch Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens den Preis der Europäischen Verständigung bekommen, in Berlin haben wir vor einiger Zeit einen Tee mit ihm getrunken und ein paar grundsätzliche Dinge geklärt. Zum Beispiel die Frage, wie es ihm in Europa eigentlich gefällt.

Er seufzt, wenn er vom Westen spricht und von der Landkarte, auf der es keinen Fleck mehr gebe, der nicht den westlichen Stempel trage. Selbst China und Russland seien dem unwiderstehlichen Erfolgsprinzip des Westens verfallen. Indien sowieso. Für die Inder, sagte er, gebe es nur einen Traum: so zu leben wie die westliche Mittelklasse. Die ganze Welt werde bald nur noch aus westlicher Mittelklasse bestehen. Ein Albtraum sei das, sagte Mishra beim Tee in der Pariser Straße im schönen Berliner Westen. Und eine intellektuelle Sackgasse.

Und wie kommen wir da wieder raus? Die professionellen westlichen Literaten, glaubt Mishra, würden uns dabei kaum behilflich sein, da teilt der Preisträger durchaus die pessimistischen Ansichten der deutschen Verächter des schreibenden literarischen Mittelstandes. Schriftsteller, findet er, sei inzwischen ein Mittelstandsberuf, der sich nur geringfügig von dem des Investmentbankers unterscheide. Beide wollten vor allem erfolgreich sein, viel Geld verdienen und am Flughafen von den Leuten erkannt werden. Ein Autor müsse mindestens alle zwei Jahre ein neues Buch produzieren, er stehe unter enormem Erfolgsdruck. Was dabei herauskomme, sei ziemlich mittelmäßig und ohne jede Dringlichkeit.

Und die indische Literatur? Ist sie denn verrückter und ungezähmter als die durchschnittliche westeuropäische Mittelstandsprosa? Nein, auch die indische Literatur findet die Gnade dieses indischen Autors nicht. Vor allem die indisch-englische Literatur sei inklusive Salman Rushdie komplett auf dem Niveau des 19. Jahrhunderts stehen geblieben, alles daran sei geborgt, alles geklaut, alles aus derselben Fabrik, braver Realismus, gewürzt mit einer Prise Kundera, einer Prise Márquez, einem bisschen hiervon, einem bisschen davon. Noch größeres Seufzen, nein, der Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung könne uns im Augenblick keine zehn indischen Romane empfehlen, die es zu lesen lohne, bevor man Krieg und Frieden wieder lese.

Was man denn überhaupt noch lesen soll? Pankaj Mishra hat da eine fabelhafte Idee: Er liest all die alten Bücher noch einmal, die er schon gelesen, aber noch lange nicht verstanden hat.