Ist der Petersdom gemütlich? Karl Philipp Moritz empfand es so, als er 1786 nach Rom kam. Und er war entzückt: Während in der Gotik alles darauf angelegt sei, "daß die Höhe furchtbar, die Weite wie eine Wüste erscheine" und das Ganze "Schauer und Bewunderung errege", so wolle der Petersdom trotz seiner enormen Ausmaße "die Idee des Angenehmen, Bequemen und Wohnbaren" vermitteln. Trotz der Weite fühle sich der Mensch hier von allen Seiten umfangen. Es sei das "Ebenmaß aller Verhältnisse", das mit dem Geist des Menschen harmoniere. Und mit Verve preist der protestantische Schriftsteller aus Berlin den Baumeister dieses "Denkmals der monarchischen Religion", den kühnen Bramante.

Moritz nennt den Namen, den die Welt kennt. Tatsächlich aber hieß der Künstler Donato di Pascuccio d’Antonio. "Bramante" ist ein Spitzname, den ihm in seiner Jugend wohl ein Verwandter aufgedrückt hat; das Wort, vom italienischen bramare, bedeutet, etwas heftig zu verlangen oder herbeizusehnen.

Geboren 1444 in Fermignano bei Urbino, zeigt Donato in der Tat schon früh Ungeduld und Wissbegier, ein guter Schüler, dem das Rechnen leichtfällt. Vor allem aber zeichnet er, wie besessen, Gesichter, Gestalten, Gebäude. Der Vater, ein Mann ohne Vermögen, unterstützt den musischen Sturm und Drang seines Sohnes. Er macht ihn mit der Kunst der Region vertraut, mit Fra Carnevale zum Beispiel, der für die nahe gelegene Kirche Santa Maria della Bella ein herrliches Altarbild gemalt hat. Auch beschäftigen den jungen Mann bald Architektur und perspektivische Darstellung, wozu gerade Urbino (das heute zum Weltkulturerbe zählt) jede Gelegenheit bietet.

Er ist 22, als Federico da Montefeltro, der erste Herzog von Urbino, den dalmatinischen Architekten Luciano Laurana damit beauftragt, den Bau seines Palastes zu leiten, eines der schönsten Profanbauten der italienischen Renaissance. Bei Laurana will der begabte Donato lernen.

Einige Jahre nach dem Abschluss seiner Studien reist Bramante in die Lombardei, wo viele bekannte Künstler arbeiten. In Mailand findet er 1476 wieder einen Gönner: die Familie Sforza. Unter ihrer Herrschaft erlebt die Kultur der Renaissance in der Stadt ihre höchste Blüte. Die Sforzas fördern nicht zuletzt Leonardo da Vinci: Im Kloster, das zur Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie gehört, malt er in den neunziger Jahren des 15. Jahrhunderts sein Letztes Abendmahl, das wohl berühmteste Wandbild der Welt.

Just hier, an Partien von Santa Maria delle Grazie, baut auch Bramante mit. Da hat er bereits mit einem Entwurf für die Kirche Santa Maria presso San Satiro sein Können unter Beweis gestellt: Die gewölbten Decken und die Kuppel über der Vierung weisen voraus auf seine späteren Pläne für Sankt Peter. Besonders aber der Chorraum verrät sein Genie. Dieser grenzt direkt an eine Hauptstraße und hat nur eine Tiefe von 90 Zentimetern. Um die Nische nicht zu winzig erscheinen zu lassen, arbeitet Bramante mit perspektivischer Verkürzung. Er malt ein illusionistisches Fresko, das den Eindruck erweckt, der Chor wäre ein tiefer, tonnengewölbter Raum von mehreren Metern Länge – ein Zaubertrick, der noch heute verblüfft.

Weitere Arbeiten, wie zum Beispiel an der berühmten Basilika von Sant’Ambrogio, festigen seinen Ruf; auch in Pavia, wo ein Sforza Bischof ist, schmückt man sich mit seinem Namen: Dort soll er den Neubau des Domes mitgeplant haben. "Man hält hier fast sämtliche Bauten aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts für frühere Arbeiten des großen Bramante von Urbino", vermerkt noch der Basler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt 1855 in seinem Cicerone.

1499 wird Herzog Ludvico Sforza von den Franzosen aus Mailand vertrieben. Bramante verlässt die Lombardei und geht nach Rom. Ihn lockt die Antike, ihn faszinieren die Ruinen der römischen, der Ewigen Stadt. Auch winken hier stetig Aufträge, denn mehr als alle Freuden des Jenseits beschäftigen die Päpste die Wonnen des Diesseits, die Kunst, die Baukunst vor allem. Allerdings muss er sich hinten anstellen. Mit kleinen Projekten beginnt er, zunächst, als zweiter Baumeister Alexanders VI., mit der Errichtung zweier Brunnen.

Dann aber entsteht unter seiner Leitung eine Kapelle, die einem antiken Tempel nachempfunden ist. Der kreisrunde, von 16 Säulen umtanzte Tempietto, "Bramantes Tempelchen", wie man es bald nennt, wird an jener Stelle errichtet, an der das Kreuz Petri gestanden haben soll, im Klosterhof der Kirche San Pietro in Montorio. Gestiftet haben den Bau Ferdinand und Isabella, das spanische Königspaar, das, der Heiligen Kirche besonders verbunden, für ein muslim- und judenfreies Spanien sorgt. Zudem ist dem Königshaus gerade erst durch Alexander im Vertrag von Tordesillas der weitaus größte Teil des neu entdeckten Kontinents Amerika zugesprochen worden. Wer sollte da nicht dankbar sein!

Bramantes Tätigkeit in Rom – als Architekturzeichner für verschiedene kirchliche Auftraggeber und beim Bau der päpstlichen Kanzlei in der Altstadt – bestätigt seinen Ruf. So ist auch Alexanders Nachfolger Julius II., der 1503 gewählt wird, um den hochbegabten Mann bemüht.

Es beginnt das wichtigste Kapitel im Leben des Architekten Bramante. Vieles darüber wissen wir aus den Vite, den Lebensläufen berühmter italienischer Künstler von Giorgio Vasari, dem toskanischen Architekten und Hofmaler des Hauses Medici. Sie sind ein unentbehrliches Quellenwerk gerade für die Kunst der Renaissance. Nur über Bramantes private Lebensumstände erfahren wir auch hier wenig. Da bleibt Vasari sehr allgemein, spricht vom "fröhlichen Gemüt" des Meisters, von seiner Neigung zur Musik: "Er improvisierte selbst auf der Laute und dichtete zuweilen ein Sonett." Im Übrigen war er ganz offensichtlich ein vermögender Mann.

Den Papst interessiert mehr das eigene Grabmal als der Dom

Dafür sollte vor allem der kunstsinnige neue Pontifex sorgen. Doch Julius II., der Renaissance-Papst schlechthin, ist nicht nur ein Freund der schönen Künste, sondern ebenso des Krieges. Seine militärischen Interventionen, aber auch seine cholerischen Attacken tragen ihm bald den Beinamen Il Terribile ein, der Schreckliche. Ein Jahr älter als Bramante, stammt er aus einer verarmten ligurischen Adelsfamilie. Ein Onkel, der allerhöchste kirchliche Karriere gemacht hatte und als Sixtus IV. von 1471 bis 1484 Christus auf Erden vertrat, stattete seinen Neffen mit Pfründen aus und sorgte für rasches Fortkommen auf der klerikalen Ämterleiter. Bis in den Vatikan.