Wer auf der ostfriesischen Insel Langeoog wohnt oder in einem Dörfchen in Niederbayern, der kann, auch wenn er weit weg von der Bundespolitik oder den jüngsten Hipstertrends lebt, indirekt daran teilhaben: an allem nämlich, was die deutsche Presselandschaft zu bieten hat. Er braucht dafür nur zum nächstgelegenen Kiosk zu laufen. Dort findet er Tageszeitungen vom anderen Ende der Republik, Zeitschriften, die gerade erst frisch auf den Markt gekommen sind, und Nischen-Independent-Magazine.

Das ist auch deshalb so, weil der deutsche Pressevertrieb in Europa einzigartig ist. 70 mittelständische Unternehmer, Grossisten genannt, sind in Deutschland dazu verpflichtet, Zeitschriften und Zeitungen auch in abgelegene Regionen zu liefern, selbst wenn sich das für sie finanziell nicht rechnet. So wird mehr als die Hälfte aller Zeitschriften vertrieben (der Rest verteilt sich auf Abos, Lesezirkel und Sonderverkäufe). Außerdem müssen die Grossisten neue Magazine in ihr Sortiment für die Kioske aufnehmen. Und im Verkaufsregal darf kein Verlag besser präsentiert werden als ein anderer. Dafür besitzen Grossisten in ihrer Region eine Art Verkaufsmonopol.

Mit alldem könnte es bald vorbei sein.

Die Richter des Oberlandesgerichts Düsseldorf haben gerade in zweiter Instanz entschieden, dass der deutsche Pressevertrieb in seiner jetzigen Form nicht mit europäischem Kartellrecht vereinbar sei – und das dürfte Folgen haben.

Der Bauer-Verlag (TV Movie, Bravo, InTouch) war gegen den Presse-Grosso-Verband vor Gericht gezogen, weil er lieber selbst mit einzelnen Grossisten über Preise, Vertriebs- und Verkaufsbedingungen verhandeln wollte statt zentral mit dem Verband, so wie bisher.

Bauers Interessen sind klar: Einerseits sorgt der Verlag mit seinen Blättern für einen gewichtigen Umsatzanteil der Grossisten, andererseits bekommt er dafür keinerlei Sonderkonditionen. Das findet man bei Bauer ungerecht, man würde zu gern Rabatte aushandeln können – zumal im derzeit schwierigen Branchenumfeld.

Anders als Tageszeitungen ist der Bauer-Verlag auch nicht auf die deutschlandweit 120 000 Verkaufsstellen angewiesen. Weniger würden’s auch tun, findet Bauer.

Das Grosso-System funktioniert jedoch nur, weil starke Verlage die schwächeren alimentieren. Wenn das Düsseldorfer Urteil rechtskräftig würde (eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes steht aus), täten sich die großen Verlage leicht damit, Rabatte und Sonderkonditionen mit Grossisten auszuhandeln. Wenn der eine nicht spurte, könnte man zum nächsten wechseln – oder einen eigenen Verteiler gründen. Die Monopole wären aufgebrochen, die derzeit übliche Form der Quersubventionierung fiele weg.

Fortan wären die Großverlage gegenüber den Grossisten und die wiederum gegenüber den Kleinverlagen im Vorteil. Für Letztere dürfte am Ende der Vertrieb ihrer Blätter teurer werden. Und wenn sie eine neue Zeitschrift auf den Markt bringen wollten, so wie im Jahr 2005 der Landwirtschaftsverlag Münster die mittlerweile allbekannte Zeitschrift Landlust, läge die Kostenschwelle eines Markteintritts erheblich höher. Underdog-Erfolgsgeschichten würden unwahrscheinlicher. Während die Anzahl der Magazine in Deutschland bisher stetig zunahm (siehe Grafik), könnte sie dann fallen.

In Deutschland betrachten es viele als Kernbestandteil der Pressefreiheit, dass Zeitungen und Zeitschriften praktisch überall im Land erhältlich sind und in den Regalen von Kiosken und Geschäften die gleiche Chance haben, gekauft zu werden. Künftig kann es gut sein, dass Verkaufsstellen, die sich für Grossisten nicht lohnen, schließen müssen, weil sie nicht mehr beliefert werden. Und es kann sein, dass im Verkaufsregal einige Zeitschriften ein klein wenig gleicher behandelt werden als andere, die der großen Verlage nämlich.

Die Düsseldorfer Richter sind sich ihrer Sache allerdings so sicher, dass sie keine Revision gegen ihr Urteil zugelassen haben. Gegen diese Entscheidung hat der Grosso-Verband zwar beim Bundesgerichtshof Beschwerde eingelegt – aber vieles deutet darauf hin, dass das jetzige Grosso-System nicht überleben wird.