Messer für die Gleichberechtigung

Mein Messer habe ich in der georgischen Hauptstadt Tbilissi auf dem Markt erstanden. Es war meine vierte Reise nach Georgien, und ich hatte das Land meist mit lauter verwegenen Kerlen bereist, die Kette rauchten, Schnaps tranken, freihändig reiten konnten und ein Schaf innerhalb von fünf Minuten geschlachtet, ausgeweidet und abgezogen hatten. Gemeinsam waren wir über die Serpentinen des Kaukasus gebrettert, hatten in entlegenen Bergdörfern übernachtet oder irgendwo auf Wiesen, und immer hatten die Männer ihre Messer am Hosenbund oder am Bein stecken gehabt, hatten damit Stöcke geschnitzt, Zwiebeln geschält und Käse zerteilt. Irgendwo in meinem Kopf muss sich der Gedanke festgesetzt haben: So eines will ich auch.

Der Verkäufer am Stand beriet mich sehr freundlich. Ein Messer für eine Frau sollte leicht sein, sagte er, mit breiter Klinge, lang genug, um damit Fleisch und Brot schneiden zu können. Und zur Verteidigung zu dienen. Er ließ mich die Messer in der Hand wiegen. Ich entschied mich für eine 18 Zentimeter lange Klinge, unten sehr breit, oben zur Spitze gebogen. Der Griff handgeschnitzt aus Holz, dazu ein Futteral aus Ziegenleder. Keine Designer-Handtasche hätte mich damals so stolz machen können.

Seither gehört dieses Messer zu meiner Grundausrüstung auf Reisen. Ich schneide damit alles, was man schneiden kann und muss. Mit meinem Messer habe ich mir schon den Weg durch Regenwald-Dickicht geschlagen, Zimmertüren aufgehebelt, wenn ich meinen Schlüssel vergessen hatte, und einmal selber eine Antilope ausgeweidet. Vor allem aber verschaffe ich mir damit Respekt, wenn ich mal wieder mit Kerlen unterwegs bin. Legen die ihr Messer auf den Tisch, lege ich meines daneben. Ein schönes Messer, sagen sie dann anerkennend, und wissen, dass mit mir im Ernstfall nicht zu spaßen ist.
Andrea Jeska

Landjäger als Türöffner

Dass ich einmal mit Wurst im Gepäck verreisen würde, habe ich lange Zeit nicht für möglich gehalten. Im Ausland isst man doch, was auf den Tisch kommt, und überhaupt: Wurst ist so German . Andererseits sind Landjäger – die Sorte, die mir schon immer geschmeckt hat – nicht umsonst für den Einsatz im Feld gemacht: In kompakter Form führen sie dem Fahrensmann rettende Nährstoffe zu. Vielleicht war das Urerlebnis Kuba. "It’s almost like poison", urteilte Gorki Luis Águila Carrasco, Sänger der Punkband Porno Para Ricardo, über die kubanische Snackkultur. Diese Einschätzung ist im Wesentlichen zutreffend. Landjäger dagegen sind nicht nur eine willkommene Fett- und Proteingabe nach Einsätzen im Nachtleben von Havanna, sie sind ein echter dooropener: Wo ich sie auf Rechercheeinsätzen anbot (die arabische Welt ausgenommen), fanden sie und damit meine Anliegen eine gute bis begeisterte Akzeptanz: Germany? It’s a good country! Ich vermute, es hat damit zu tun, dass German sausage so etwas wie eine Marke ist. Ein Schwabe, der Bewässerungsanlagen für Golfplätze baut, erzählte mir einmal, Dosenwurst aus der elterlichen Schlachterei habe ihm insbesondere in den USA bei Geschäftsabschlüssen entscheidende Wettbewerbsvorteile verschafft. Inzwischen habe ich den Widerstand dagegen, wurstidentifiziert durch die Welt zu reisen, aufgegeben: Kulturelle Klischees können völkerverbindend sein, wenn sie in Geschmackserlebnissen geerdet sind. Ob German sausage auch bei Japanern anschlägt, weiß ich nicht. Im Münchner Hofbräuhaus soll es jedenfalls funktionieren.
Thomas Groß

Kopftuch gegen Landsleute

Als ich vor acht Jahren nach Marokko fuhr, rieten mir Freunde dringend, ein großes dunkles Kopftuch einzupacken: "Nur sicherheitshalber!" Ich nahm das Kopftuch mit. Zumindest beim Besuch einer Moschee, dachte ich, würde ich es ja tatsächlich benötigen. Damit auf der Straße herumzulaufen, hatte ich aber auf keinen Fall vor. Es kam mir übergriffig, irgendwie auch unmoralisch vor, mit diesem Symbol muslimischer Frauen eine Art kultureller Travestie zu veranstalten.

Nach zwei Tagen, vor allem nach zwei Abenden in Marrakesch, warf ich meine Skrupel über Bord. Als rotblonde, auf hundert Meter als westliche Touristin identifizierbare Frau konnte ich keine zwei Schritte tun, ohne von marokkanischen Männern belästigt zu werden. Und zwar nicht nur begafft, wie ich es von früheren Reisen in Erinnerung hatte, sondern mit obszönen Sätzen und Gesten bedrängt, ein paar Mal sogar gewaltsam begrapscht. Das Kopftuch war die Rettung. Es reichte weit in die Stirn, ich trug dazu eine große Sonnenbrille und eine hochgeschlossene Stehkragenbluse. Ich muss im Tageslicht einen kuriosen Anblick geboten haben. Aber in der Dunkelheit war meine Silhouette nicht von der einer einheimischen Frau zu unterscheiden. Ich gewöhnte mich so sehr an das Kopftuch, dass ich es auch bei der Weiterreise aufbehielt.

Dummerweise auch in Essaouira, obwohl es dort, weil die Stadt viel toleranter ist als Marrakesch, gar nicht nötig gewesen wäre. Und dann, eines Tages, saß ich in einem Straßencafé und entdeckte am Nebentisch Wolfgang Niedecken. Toll! Wolfgang Niedecken! Ich hätte gern ein bisschen mit ihm geplaudert. Aber das ging ja nun nicht. Ich konnte mir jetzt nicht plötzlich das Kopftuch runterreißen und zu Wolfgang Niedecken rüberrufen: Hallo, Landsmann, das ist nur Verkleidung! Sie dürfen mich ruhig auf einen Tee einladen, meine großen Brüder tun Ihnen nichts!

Ich habe seitdem kein arabisches Land mehr besucht. Es ergab sich einfach nicht. Aus heutiger Sicht würde ich mich wieder für das Kopftuch entscheiden. Also gegen Niedecken.
Ursula März