Nolde, das ist doch der mit den Blümchen. Der Lilien, Stiefmütterchen und Tulpen in kunterbunten Farben malte, die so leuchten, dass sie uns von den Kunstdrucken an der Wand in den Augen kitzelten, wenn wir bei Oma zu Kaffee und Kuchen saßen. Die Generation derer, die den Krieg erlebten, liebt diesen deutschen Maler. Als das Land in Schutt und Asche lag, hellte er die Welt ein wenig auf, mit leuchtendem Mohn oder einem Sonnenuntergang über dem Meer, Segelschiffchen auch dabei. Zudem war Emil Nolde ein Verfemter unter den Nazis, seine Kunst als entartet gebrandmarkt, doch nicht so rau und schrundig wie Dix oder Grosz, nicht so eckig und unzüchtig wie Kirchner oder Heckel. Noldes Kunst, auch dafür hatte man sie gern, war nicht so furchtbar hässlich und außerdem noch politisch korrekt. So fand nicht nur das geschundene deutsche Gemüt in Noldes Bildern Frieden, sondern auch das Gewissen.

Mit den Jahren kam man jedoch dahinter, dass das Bild, das man sich von Nolde machte, so schief war wie die Astern, die sich bei ihm so hübsch im Herbstwind biegen. Dass Noldes Œuvre über seine schön bepflanzten Vorgärten, erst auf der Ostseeinsel Alsen, dann in Seebüll an der dänischen Grenze, weit hinausgeht, wusste bereits, wer sein Werk studiert hatte. Dass es mit seiner Rolle als Gegner des Naziregimes nicht allzu weit her ist, das allerdings ahnten nur wenige. Zwar nannte ihn Karl Hofer bereits direkt nach dem Krieg einen antisemitischen "Schweinehund", der Goebbels darauf hingewiesen habe, dass sein ehemaliger "Brücke"-Kollege Max Pechstein Jude sei (was nicht stimmte). Doch kritische Worte verfingen nicht – unter anderem, weil Noldes Bewunderer wie Siegfried Lenz oder Werner Haftmann sie wider besseres Wissen ignorierten und Nolde zum Opfer stilisierten.

Hinzu kommt, dass Nolde nicht nur ein außerordentlich produktiver Maler, sondern auch ein Autor war, der sich unermüdlich zu seinem Werk äußerte. Er tat dies vor allem in seiner vierbändigen Autobiografie, in der er sich als seiner nordischen Scholle verbundener Künstler charakterisiert, dem der Boden seiner friesischen Heimat so grundlegend für sein Schaffen sei, dass er, Emil Hansen, sich 1901 nach seinem Heimatdorf Nolde umbenannte. Im zweiten Band, 1934 erschienen, beklagt Nolde dann "die unglückselige Einsiedelung [der Juden] in den Wohnstätten der arischen Völker", ein Satz, den er neben anderen in der Neuauflage nach dem Krieg wieder strich. Den Titel Jahre der Kämpfe, ein impliziter Vergleich seiner Kämpfe mit Hitlers Mein Kampf, hielt er hingegen für unbedenklich.

Für die große Retrospektive im Frankfurter Städel, der ersten in Deutschland seit 25 Jahren, stellt sich vor Noldes in jüngster Zeit durch weitere Dokumente bestätigter Nazi-Vergangenheit die Frage, wie man dessen Werk denn nun zeigen soll: weiterhin bunt – oder braun? Man entschied sich für die erste Variante. Katalog wie Ausstellungstexte gehen zwar ausführlich auf Noldes Begeisterung für Hitler ein; dass der Maler stets "für die große deutsche nationalsozialistische Sache mit vollster Ueberzeugung eingetreten" sei, wie dieser an anderer Stelle schreibt, sieht man allerdings nicht allzu eng, nämlich im Zusammenhang mit dessen am Ende ja berechtigter Furcht, vor den Kunstrichtern der Nazis in Ungnade zu fallen. Ein ziemlich schwaches Argument, denn auch ein entarteter Nazi bleibt immer noch ein Nazi.

Trotzdem ist es richtig, dass man Nolde nicht beim Wort, sondern bei seiner Kunst nahm, denn Faschismus und Deutschtümelei sucht man darin vergeblich. Weder überkritisch also noch mit den sonst üblichen Superlativen nähert sich die Frankfurter Schau seinem Werk. Der erste Saal ist mit zeitgenössischen Rezensionen tapeziert, erst danach geht es zu den Bildern, in lockerer chronologischer Folge und grob nach Werkgruppen sortiert. Nolde wurde erst spät zum Künstler. Von 1896, da war er fast 30 Jahre alt, ist sein erstes Bild, eine Gruppe knollennasiger Erdgeister, es folgt Vor Sonnenaufgang, in dem ein Fabelwesen vor dramatischer Landschaft, nun ja, nicht eben schwebt, sondern einer Mischung aus Schaf und Hund ähnelt, die von einem Balkon herunterfällt. Auf der Suche, ja auch im Kampf um die adäquate Form reist er durch Europa, hält sich mal an die melancholische, graubraune Malerei des Dänen Hammershøi, findet eine Zeit lang stilistische Ruhe im Impressionismus, und dann – ist irgendwas passiert.