ZEITmagazin: Frau Sägebrecht, mit dem Film Out of Rosenheim sind Sie berühmt geworden. Sie waren immer der Inbegriff einer anarchischen Bayerin, aber zugleich zog es Sie in die Welt.

Marianne Sägebrecht: Ich habe schon mit fünf Jahren einen Karton gepackt mit meinen Teddybären drin und habe ihn nach Surinam geschickt. Surinam war mein Land, ich habe meiner Mama gesagt: Da komm ich her!

ZEITmagazin: Die Republik Surinam liegt nördlich von Brasilien. Woher kannten Sie den Namen des Landes?

Sägebrecht: Er war in meiner Seele. Ich habe als Kind auch stark geträumt, da habe ich Gesichter gesehen, Menschen aus Indien, dunkelhäutige Menschen, hellhäutige, chinesische, das ganze Konglomerat des Menschseins, und den Regenwald und die Tiere im Regenwald, es war ganz geheimnisvoll. Als ich das meiner Mutter erzählte, sagte sie: Na freilich, du kommst aus Surinam, aber jetzt bist zu mir hergeflogen. Meine Mutter war fantastisch. Als ich die Geschichte dem Pfarrer erzählte, sagte er: Du bist eine alte Seele, aber sag es nicht den anderen Kindern, die verstehen das nicht. Mit 15 habe ich dann ein Buch über Maria Sibylla Merian, die Naturforscherin und Malerin, gefunden, die mit 57 Jahren nach Surinam gegangen ist. Mit ihr habe ich mich ganz fest verschwistert.

ZEITmagazin: Wie das?

Sägebrecht: Über das Buch habe ich sie kennengelernt, sie wurde zu einer Art Schwester. Als ich mit zwölf Marcel Camus’ Film Orfeu Negro sah, der in Brasilien spielt, bekam ich wieder diese Sehnsucht und dachte, ich sei hierherversetzt, aber alle meine Seelenverwandten lebten da drüben, in Brasilien. Meine Mama sei gewissermaßen nur meine Amme.

ZEITmagazin: Und der Pfarrer hat Sie darin unterstützt?

Sägebrecht: Ja, er war überhaupt meine Rettung. Mehr als zwei Jahre lang hat er mich jeden Sonntag die Apostelbriefe vor der versammelten Kirchengemeinde lesen lassen. Und das als Mädchen mit zwölf Jahren! Mein Vater war im Krieg gefallen, und ich war sieben Jahre alt, als mein Stiefvater auftrat. Ich habe ihm das Leben schwer gemacht. Mit meinen blauen Augen sagte ich ihm: Du bist nicht mein Fleisch und Blut! Ich bekam meine erste Ohrfeige, als ich ihm sagte, er dürfe nicht zu meiner Kommunion. Es war der Pfarrer, der mich dann zur Seite genommen und mir erzählt hat, was mein Stiefvater durchgemacht hatte. Die beiden hatten nämlich zusammen einen Todesmarsch überlebt, als im April 1945 die Gefangenen vom KZ Dachau nach Österreich deportiert werden sollten. Der Pfarrer hatte Juden Asyl gegeben, und mein Stiefvater war nach der Rassenlehre der Nationalsozialisten Halbjude. Der Pfarrer erzählte sehr liebevoll von meinem Stiefvater und von den schrecklichen Zuständen im KZ, sodass ich einen anderen Blick auf ihn bekam. Aber der Pfarrer war auch sonst wichtig für mich. Er hat alle meine Gedanken gespiegelt. Ich war eine altkluge Seele. Ich war immer sehr theosophisch, vielleicht war ich Priesterin im früheren Leben. Er hat meine spirituellen Gedanken gespiegelt.