Am Anfang war das Trockenobst. Es dörrte an Bindfäden auf dem Dachstuhl einer älteren Dame. Und am anderen Ende der Stadt lebte ein kleiner Junge, der wollte so gern davon naschen. Also schlich er aus dem Elternhaus, um Oma zu besuchen. Es waren ja nur acht Kilometer.

Ein Dreivierteljahrhundert später schlägt ein großer Junge eine Abkürzung vor. Das heißt: Er ist schon losgestürmt, immer den Hügel hinauf. Seinen Stock stößt er in den Grund, die freie Hand greift nach Ästen. Kein Zweifel, der macht so was öfter. Ich krieche, so gut es geht, hintendrein, die Füße schlitternd auf nassem Laub, die Finger in Matsch gekrallt. Dann stehe ich neben dem Kind von damals, neben dem deutschen Abenteurer schlechthin.

Rüdiger Nehberg hat den Atlantik in einem Tretboot überquert, die mörderisch heiße äthiopische Danakil-Wüste durchwandert, allein im tiefsten Regenwald Brasiliens überlebt. Und er hat gerade unseren Spaziergang um sicher hundert Meter verkürzt.

Nun sind wir zurück auf dem Waldweg. Nehberg ist etwas außer Puste, aber das mag angehen mit 78 Jahren und einem künstlichen Kniegelenk. Wir erholen uns beim Blick aufs Panorama, das keinen weiteren Atem raubt. Im Tal unter uns stehen propere Zweifamilienhäuser, dahinter die Zionskirche Bethel und das Stammhaus von Dr. Oetker. Wir sind in Bielefeld.

Warum ausgerechnet hier? Weil selbst die wildesten Burschen nicht wie Romulus in einer Wolfshöhle aufwachsen. Auch sie lagen mal brav auf geblümten Kissen, bis etwas sie losmarschieren und nie mehr rasten ließ. Rüdiger Nehberg ist weit herumgekommen. Er lebt heute, mehr oder minder sesshaft, in einem holsteinischen Ort mit dem programmatischen Namen Rausdorf. Aber seine ersten Schritte ins Ungewisse machte er in dieser gern belächelten Stadt. Wir sind gekommen, um ihnen nachzugehen.

Kein leichtes Unterfangen, wie sich jetzt erweist. Denn so gern Rüdiger Nehberg von seiner Dörrobst-Eskapade erzählt – daran erinnern kann er sich nicht. Was er davon weiß, das haben ihm seine Eltern erzählt. Und die waren ja nicht dabei. Von ihrem Haus unten im Tal sind wir eben ausgerückt, auf dem mutmaßlichen Oma-Pfad. Nehberg fand sich gleich zurecht: "Da war unser Sandkasten, da der Erdbeergarten, und dahinter kam schon der Teutoburger Wald."

Dort stapfen wir jetzt hinein. Ein paar Spaziergänger sind an diesem Wintertag unterwegs. Bis auf die Matschflecken auf den Knien seiner Jeans fällt der Großabenteurer zwischen ihnen nicht auf. Ein fitter Rentner mit Jutebeutel – Pilzsammler, könnte man meinen.

Als Junge trieb er sich hier herum, wann immer die Eltern ihn ließen. Er weiß noch, wie sehr es ihn hinauszog und wie er sich doch fürchtete vor finsteren Gestalten. "Damals hingen im Wald noch Schilder: ›Der Kohlenklau geht um!‹ Einmal sah ich im Dickicht einen Mann mit einem Sack auf dem Rücken. Und natürlich dachte ich: ›Das muss der Kohlenklau sein.‹ "

Er war ein ängstliches Kind; und die Angst hat ihn durchs Leben begleitet. Besser gesagt: Er stellte ihr nach, überall auf der Welt. Er hat mit Pythons gerungen, Floßbruch erlitten auf dem Nil, an Tropenkrankheiten deliriert, sich seinen Weg freigeschossen. Er sagt: "Man muss lernen, die Angst zu kontrollieren." Sie abzurichten wie einen Wachhund, der im Notfall anschlägt, aber nicht durch stetes Kläffen nervt.

Darum geht es bei dem Extremsport, den er mit Filmen, Kursen, Büchern in Deutschland bekannt gemacht hat: Survival. Wie man Iglus baut, mit Maden Wunden reinigt, aus Zigaretten Pfeilgift gewinnt, sich selbst einen Zahn zieht, durch vorgetäuschte Krankheiten aus Gefängnissen flieht – solche Fertigkeiten kann dieser liebenswürdige ältere Herr einen lehren. Also gut: Überleben wir mal ein bisschen.

"Nehmen wir an, es gäbe kein Bielefeld, ich wäre hier ganz allein – wie hielte ich am längsten durch?" Die Frage klingt blöd, wenn man zwischen ein paar kahlen Buchen steht. Aber Rüdiger Nehberg lächelt nicht, obwohl er das meistens tut, wenn man ihn unvermittelt anspricht. Er hört ja seit Langem nicht mehr gut und spielt so ein wenig auf Zeit. Der Überlebenskünstler schaut, als hätte ich jetzt ein echtes Problem. Sein Rat: Eingraben, solange es noch hell ist, sonst erledigt einen der Frost. Als Erstes braucht man einen scharfen Stein. Mit dem haut man einen Ast zum Grabstock, wie er einen dabeihat. Das Loch buddelt man unter einer Tanne, da regnet es nicht so leicht durch. Mit Humus verputzen, ein Dach aus Reisig, und rein ins gemachte Nest!

Was trinke ich? "Sie können morgens den Tau von der Wiese ablecken." Und essen? "Um diese Jahreszeit schwierig. Vielleicht ein paar Würmer. Ich würde aber nicht lange suchen. Bei so was verpulvert man mehr Energie, als die Nahrung einem bringt. Man hält mehrere Wochen ohne Essen durch." Das also ist geworden aus der Kinderangst vorm finsteren Wald: ein gesunder Respekt vor der Natur, die auch in Westfalen nicht harmlos ist, wenn man sich ihr überlässt. Es stimmt wohl, was eines von Nehbergs erfolgreichsten Büchern im Titel verspricht: Wer es drauf anlegt, der findet auch heute noch sein "Abenteuer vor der Haustür".

Wir drehen ein paar Steine um, finden aber keinen Wurm. Dann doch bitte zumindest ein Feuer! Nehberg kennt hundert Arten, eins anzufachen: mit Linsen aus Eis, mit Batterien, Patronen, Tampons ... Ganz ohne Hilfsmittel käme selbst er im deutschen Winterwald nicht weiter. Heute hat er den Klassiker, einen Feuerstein, dabei. Er lenkt die Funken, schürt die Glut und pustet dann von unten in ein Bällchen aus schwelendem Stroh. Wie ein Schamane sieht er aus; er ist jetzt ganz bei sich. Es braucht nur zwei Minuten, ehe eine Rauchfahne aus dem Wäldchen aufsteigt. Ein besorgter Hundehalter prescht heran. Was wir denn da trieben? "Das ist Rüdiger Nehberg", sage ich. Ach so. Der Mann geht weiter.