Über kaum ein Land macht sich der Westen so viele Gedanken wie über Russland. Mit keinem bedeutenden Staatsführer hat man in Washington, London und Berlin so viele Erfahrungen sammeln dürfen wie mit Wladimir Putin. Und doch liegt der Westen mit seinen Einschätzungen, Analysen und Prognosen kaum je so falsch wie bei diesem Mann und seinem Staat. Immer wieder. Auch diesmal.

Putin weiß, was er will.

Der Westen weiß es nicht. In den Tagen, bevor Putin die Krim von seiner Gespensterarmee besetzen ließ, wurde eine solche völkerrechtswidrige Intervention in den westlichen Hauptstädten für völlig ausgeschlossen gehalten. Selbst die Bundeskanzlerin, die Putin vielleicht am besten kennt, erklärte letzte Woche auf einem Flug nach Israel vor Journalisten, dass sie sich ein militärisches Eingreifen der Russen nicht vorstellen könne. Da hatte Dmitri Medwedew allerdings schon jene Formel benutzt, die wenig später die Besetzung der Halbinsel rechtfertigen sollte: "Es besteht eine reale Gefahr für unsere Interessen sowie für Leben und Gesundheit unserer Landsleute."

Mit dieser Ungleichzeitigkeit ging es dann jeden Tag weiter. Als der Westen noch fromm die Integrität der Ukraine reklamierte, da hatte der russische Präsident sie schon aufgehoben. Als Außenminister Steinmeier noch vor einer Eskalation warnte, da hatte Putin auf der Krim bereits die Kasernen der ukrainischen Armee umstellen lassen. Und als dann am Dienstag dieser Woche alle Fakten geschaffen und auf allen Sendern zu sehen waren, wollte die EU eine fact finding mission losschicken. Solche Ungleichzeitigkeiten haben in sich schnell bewegenden Konflikten eine fatale Folge: Das Momentum liegt bei Putin, alle Macht liegt in der Geschwindigkeit.

Der Westen hat also nicht nur nicht vorausgesehen, wie weit Putin gehen würde, der Westen hatte und hat die allergrößten Schwierigkeiten, das, was geschieht, zur Kenntnis zu nehmen.

Dabei ist die westliche Politik beileibe nicht zum ersten Mal von der russischen Politik überrascht worden. Sie hat sich in den vier Jahren, als Medwedew Putin den Präsidentensessel warm hielt, eine Wende zu mehr Freiheit und Modernität in Russland erhofft und war völlig perplex, als die russische Armee 2008 in Georgien einmarschierte. Wenn also die Frage auf der historischen Tagesordnung steht, wie weit Russland noch geht, ob die Ostukraine annektiert wird, was aus Ländern wie Moldawien und Georgien wird, die ebenfalls russische Minderheiten haben und nach Europa streben, so muss zuerst eine andere Frage beantwortet werden: Warum in aller Welt liegt der Westen bei der Einschätzung Putins so oft dramatisch daneben, von welchen Ängsten, Obsessionen und Klischees lässt er sich blenden?

Um eines gleich vorweg zu sagen: Putins Strategie ist so rätselhaft nicht. Man kann sie erklären, sobald der Schleier weggezogen wird. Dazu später.

Schuld, Gefühle und zu viel Geschichte.

Eigentlich müsste man von den Amerikanern die größte Klarheit erwarten. Immerhin haben sie mit den Russen einen langen Kalten Krieg bestritten. Und auch heute haben sie Putin in der internationalen Politik ständig am Bein, weil der nur im permanenten Konflikt mit der letzten Supermacht den Schein eigener Supermächtigkeit aufrecht erhalten kann. Das sorgt für unfreiwillig intime Kenntnis. Andererseits sind die USA weit genug weg von Russland, sie müssen sich nicht so beklommen fühlen, wie die Europäer es aufgrund von Geschichte und Geografie oft tun. Dennoch fällt es Washington seit einiger Zeit schwer, sich ein klares Bild von der russischen Politik zu machen. Das hat weniger mit Moskau zu tun als mit den USA selbst. Bis vor wenigen Jahren hatte man schlichtweg keine Angst, man konnte in der internationalen Politik beliebig weit denken, weil man im Zweifel auch beliebig weit gehen konnte. Zur Not militärisch. Diese Phase ist vorbei, weil die moralische und logistische Kriegsfähigkeit der Amerikaner dramatisch abgenommen hat, während ihre Außenpolitik darauf noch keine Antwort hat. Besonders drastisch zeigte sich das in Syrien. Obama zog eine rote Linie, Assad überschritt sie, die USA waren unfähig zu handeln, die Russen – ausgerechnet – halfen ihnen aus der Klemme.