Wenn die Kanzlerin an diesem Donnerstag zum Krisengipfel nach Brüssel aufbricht, wird ihr Stellvertreter rund 2000 Kilometer weiter östlich bereits den Sicherheitsgurt für die Landung anlegen. Sigmar Gabriel trifft in Moskau ein, zu Gesprächen über die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Alltagssimulation im politischen Ausnahmezustand.

Der zweitägige Besuch des Wirtschaftsministers bei Deutschlands wichtigstem Gas- und Rohöllieferanten war lange geplant. Sogar ein Treffen mit Wladimir Putin sollte es geben. Nun aber, mitten im eskalierenden russisch-ukrainischen Konflikt um die Krim, geht es nicht mehr darum, wie man die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland verbessern und weiter ausbauen könnte. Auf einmal steht eine harte, kalte Frage im Raum: Könnte man Moskau wirtschaftlich so schaden, dass es politisch einlenkt?

Vor allem die USA machen Druck. In der amerikanischen Regierung werden bereits konkrete Sanktionen unter anderem gegen russische Banken vorbereitet. Die Logik der Eskalation hat Jose Fernandez, Staatssekretär im Außenministerium, kürzlich bei einer Rede ausgebreitet. Zunächst werde die Zusammenarbeit mit dem betroffenen Land eingestellt. Dann würden "die Vermögenswerte von Individuen und Regierungen" eingefroren und die Kreditinstitute des Landes vom wichtigen amerikanischen Finanzmarkt abgeschnitten. In einer dritten Stufe schließlich werde der Handel mit Waren und Dienstleistungen eingeschränkt.

Als Vorbild gelten die Maßnahmen gegen den Iran, der – zumindest nach amerikanischer Lesart – durch smart sanctions finanziell isoliert und zurück an den Verhandlungstisch gezwungen wurde. Aber könnte das auch im Fall des wirtschaftlich viel bedeutenderen Russlands funktionieren?

1. Wie stabil ist die russische Wirtschaft?

Auf den ersten Blick erscheint das Land ökonomisch stark. Dank der hohen Energiepreise sind die russischen Einnahmen aus dem Gas- und Ölgeschäft in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Weil Russland dafür Dollar kassiert, verfügt das Land inzwischen über die dritthöchsten Devisenreserven der Welt: rund 500 Milliarden Dollar. Die Staatsschulden sind niedrig, der Haushalt ist so gut wie ausgeglichen. Und hat Putin nicht gerade die teuersten Winterspiele aller Zeiten finanziert? 50 Milliarden Dollar kosteten die olympischen Wettkämpfe in Sotschi.

Doch bei genauerem Hinsehen erweist sich vieles als Schein. Russland hat große wirtschaftliche Probleme: Der Wechselkurs des Rubel fällt rasant, das verteuert die eingeführten Waren und Lebensmittel und treibt die Inflation. Korruption und Bürokratie lähmen das Land. "Russland braucht Technologiepartner im Westen, noch kann nicht von einer modernen Industrienation gesprochen werden", sagt Rainer Lindner, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft.

2. Wo liegt das russische Geld?

Es gibt keine offizielle Statistik über die internationalen Finanzverflechtungen Russlands, aber viele Indizien, die sich zu einem Bild zusammenfügen. Demnach liegt ein großer Teil des russischen Reichtums im westlichen Ausland – und könnte daher mit Sanktionen belegt werden. Nach Daten der russischen Notenbank sind rund 450 Milliarden Dollar im Ausland geparkt, mehr als die Hälfte davon in Irland, Zypern, den Niederlanden und Luxemburg – alles Mitgliedsländer der Europäischen Union. Auch in Großbritannien und der Schweiz haben Russen Geld angelegt. Mit 12 Milliarden Dollar ist Deutschland dagegen ein eher unbedeutendes Ziel für russisches Kapital. Allerdings sind in der offiziellen Statistik nicht alle Privatvermögen berücksichtigt.