Die Schweizer sehen sich gerne als Friedensstifter, dort, wo’s brennt auf dieser Welt. Und in einem wie ihm erkennen sie sich wieder: Tim Guldimann, Spitzendiplomat. Eigentlich ist er der Schweizer Botschafter in Berlin. Doch seit in der Ukraine die Revolution ausgebrochen ist und Russland mit seinen Truppen die Halbinsel Krim annektierte, wirbelt Guldimann als Sondergesandter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) für eine Lösung der Krise; die Schweiz präsidiert zurzeit die Organisation.

Tim Guldimann, der erfahrene Vermittler mit Stationen in Tschetschenien, Afghanistan, dem Iran und dem Kosovo, scheint der richtige Mann am richtigen Ort zu sein. Mit einem wie ihm steht die Schweiz auf der richtigen Seite der Geschichte – auf der Seite der Guten.

Aber die Schweizer Außenpolitik hat auch eine andere Seite; jene, die keine Berührungsängste mit Autokraten und Potentaten kennt und die nicht dem Weltfrieden, sondern den eigenen Interessen dient.

Vor drei Wochen, in einer Stadt am Schwarzen Meer: 15. Februar, später Samstagnachmittag, House of Switzerland in Sotschi. Seit zwei Stunden wartet Bundesrat Ueli Maurer auf seinen Gast. "Kann jemand für mich den Putin spielen?", flachst er mit den Fotografen. Der mächtigste Mann Russlands, der die ganze Welt mit seinen Großmachtgelüsten in Atem hält, nimmt sich elf Minuten Zeit für den SVP-Bundesrat. Russland ist die einzige Großmacht, die der Schweiz jährliche Treffen der oberen Chargen vertraglich zugesichert hat.

In Sotschi waren zwei Sportsfreunde unter sich, mit einer gemeinsamen Mission: Gut Wetter machen für ein geplantes Freihandelsabkommen zwischen den beiden Ländern.

Russland und der Schweiz kommen die Partner abhanden

Ueli Maurer war nicht das einzige Schweizer Regierungsmitglied bei den Olympischen Spielen. Gleich drei Bundesräte reisen nach Sotschi. Am Tag der Eröffnungsfeier prosteten sich die Außenminister Didier Burkhalter und Sergej Lawrow zu. "Lieber Sergej", charmierte der spröde Burkhalter sein russisches Pendant. Man feierte 200 Jahre diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Und der Sozialdemokrat Alain Berset wird Ende Woche für die Paralympics einfliegen – aller Kriegstreiberei des Gastgebers zum Trotz.

Wieso aber verstehen sich die kleine Schweiz und das riesige Russland so gut?

Militärhistoriker steigen auf der Suche nach einer Antwort gerne ins Gotthardmassiv. In der Schöllenenschlucht verweilen sie am Suworow-Denkmal. An jenem Ort, an dem der russischen Toten im zweiten Koalitionskrieg von 1799 gedacht wird.

Tierfreunde besuchen den Bärenwald im Berner Dählhölzli, wo Mischa und Mascha, zwei sibirische Braunbären, rumtollen. Sie waren ein Mitbringsel des damaligen russischen Präsidenten Medwedew, als er 2009 die Schweiz besuchte.