Zwei Wochen in Hollywood. Das Jahr: 1961. In diesen beiden Wochen hat die Filmgeschichte einen neuen Spin bekommen – der aus London angereisten Autorin P. L. Travers wurde das Einverständnis abgerungen, ihr Kinderbuch Mary Poppins in einen fetzigen Walt-Disney-Film umschrauben zu lassen. Ein Büchlein aus dem Jahre 1934 wurde zum Weltereignis, komplett mit Zauberstaub, Donnerhall, Steptanz und, tja, tanzenden Pinguinen. Zutaten, die Travers, beheimatet im intellektuellen Bloomsbury, komplett mit Yeats und Mystik, zutiefst hasste und die ihr Disney ("Call me Walt") qualvoll abrang in einer Schlacht, die nun im Kino zu bewundern ist – Saving Mr. Banks. Banks wie der rumpelnde Dad in Mary Poppins, dessen Vorbild der Vater der Autorin war, Travers mit Vornamen – den die Tochter, als Helen Lyndon Goff 1899 geboren, als ihren Nachnamen angenommen hat. Kompliziert? Und wie.

Die gängigen Attribute von Travers – nervig-hysterisch-verklemmt-snobistisch-humorlose Schreckschraubenschrulle – ergäben einen lustigen Zungenbrecher in Mary Poppins. Es ist nicht ohne Komik, dass Emma Thompson diese Rolle bekam, die in Cambridge studierte, feministische Powerlady, die alles beherrscht, vom Stand-up Comedian über eigene Fernsehshows bis zum Drehbuch für Sinn und Sinnlichkeit. Sie füllt die Rolle mit der ihr eigenen, von Witz und Hysterie vibrierenden Energie. Natürlich hat Thompson auch den treffendsten Kommentar zum kalifornischen Abenteuer von P. L. Travers abgegeben: "Das Licht erinnerte sie an Australien. Es versetzt sie sofort zurück in ihre Erinnerung an dieses helle, gleißende Wüstenlicht, und das verstört sie zutiefst." Wer braucht noch Freud?

Nach Australien schweift der Film in langen Schwenks zurück, zurück in die Kindheit von Travers, um dort den Schlüssel für die Sperrigkeit zu finden, mit der sie eine tiefe Traurigkeit überdeckt. Diese Seelenlage spürt ausgerechnet Disney, dem Tom Hanks die kindliche Speckigkeit des Alphatiers gibt und dazu seinen sprichwörtlichen Enthusiasmus, das perfekte Gegenüber zur spindeldürren Travers, deren Gefühle so festgedreht wirken wie ihre Dauerwelle. Warum ist sie so? Regisseur John Lee Hancock findet für ihre Kindheit langsame Sequenzen, es ist ein Mäandern über Landschaft und Seelenlagen, in gedämpften Farben, mit rhythmischen Wiederholungen von Szenen, die den Charakter einer sich gegen Widerstände vortastenden Erinnerung haben.

Die Disney-Maschine hat sich mit ihrem Perfektionswahn in Schwung gebracht. Die Gestik von Walt, die exakte Position seiner Büromöbel, die Tapes der Streitereien – alles da. Säuberlich herauspräpariert, was Meryl Streep jüngst anprangerte, dass Walt kein so großer Frauenversteher war, sondern ein misogynes Ekel. So wirkt alles heiter, Chim Chim Cher-ee. Die Beteiligten schlittern wie in einem japanischen Kamikaze-Einsatz in das Happy Ending, und wir geraten in einen Sog von Lachen und Weinen, schnippen, wie endlich auch Travers, die Finger zur Musik, und haben dann diesen Kloß im Hals, ohne den kein Entzücken perfekt wäre.