Was treibt einen Schweizer ins Ausland? Eigentlich muss ich bei dieser Frage passen. Eigentlich lautet meine Antwort: Nichts. Mir gefällt es in einem Land, das jedes Jahr 53 Millionen Franken in ein längst perfektes Wanderwegnetz steckt und dessen Hahnenwasser Henniez-Qualität hat.

Trotzdem habe ich von meinen 42 gelebten Erwachsenenjahren 17 im Ausland verbracht, nicht am Stück, sondern in drei Tranchen. Ich bin also, zusammen mit meiner Frau, auch zweimal wieder in die Schweiz eingewandert – und wir haben das nie bereut. Auch jetzt, da wir seit vier Jahren auf einer betagten Segeljacht leben und im Mai zum dritten Mal in die Heimat einwandern werden, befällt mich kein Unbehagen. Obschon unser neues Daheim im Klettgau steht.

Was mich in die Fremde treibt, ist mehr eine Art Hochleistungssport: Einheimischer zu werden, wo man weder geboren wurde noch zur Schule ging, ist anspruchsvoll und braucht eine hohe Konzentration – es beschert dem Athleten aber eine tiefe Befriedigung.

Meine eigene Goldmedaille in der Disziplin Anpassungsleistung habe ich vor langer Zeit im Osten Deutschlands geholt, der damals noch eine Deutsche Demokratische Republik war. Mit meinem (fast) perfekten Hochdeutsch und einer gelben Regenjacke erntete ich im Zug nach Karl-Marx-Stadt die erstaunte Bemerkung eines DDR-Deutschen:

"Ach, Sie sind Bundesbürger?!"

"Nein, Schweizer."

Noch heute stelle ich fest, dass ich zu den nicht besonders zahlreichen Landsleuten gehöre, die gut hochdeutsch reden – und automatisch in die Hochsprache wechseln, wenn ein Deutscher mit ihnen spricht. Ist das nun Überanpassung? Vorauseilender Gehorsam? Nein, ich vermute, es ist Gewohnheit.

Ich bin vorsichtig geworden mit schnellen Urteilen, das lehrte mich das Leben im Ausland. Ich schaue länger zu, bis ich mir eine Meinung bilde. Ich habe mich allzu oft geirrt, wenn ich lauthals verkündete, ich wüsste genau, wie Deutsche oder Amerikaner ticken – oder Schweizer, die ihr Leben lang in der Schweiz gelebt haben.

Doch das ist bereits eine Überhöhung des eher trivialen Sachverhalts "Auslandaufenthalt". Außerhalb der Schweiz zu leben bedeutet nämlich in erster Linie, sich in einem anderen Alltag zu bewähren. Ferienreisende, auch wenn sie ein Jahr lang unterwegs waren, übertreiben, wenn sie nach der Rückkehr sagen, sie hätten im Ausland "wie Einheimische gelebt". Wer nie in einem fremden Land einen Sanitärmonteur bestellt, einen Check ausgefüllt oder ein Auto zum TÜV gebracht hat, der kennt das Leben der Einheimischen nicht. Er ist nur den Touristenhotels aus dem Weg gegangen oder hat an weißen Plastiktischen günstige Garnelen verdrückt.

Als Dauergast in einem anderen Land ist man mittendrin – und doch nicht ganz dabei. Ich habe Armut und Krise in der deutschen Mittelklasse wahrgenommen, lange bevor gut gebildete, mobile Deutsche begannen, in Scharen in die Schweiz zu ziehen. Andererseits leistete ich mir in meinen Bonner Jahren eine Distanz zur Schweizer Geschichte. Erst viel später holte mich das ein.