Wenn sich Geschichte wiederholt, wäre der Osthafen von Helsinki ein denkbar schlechter Platz, um ein Unternehmen zu gründen. Hier, hinter einer Glasfassade, war einmal der Firmensitz von Nokia. Aber das ist lange her. Als der finnische Handyhersteller größer wurde, zog er irgendwann weiter in die Satellitenstadt Espoo. Dort begannen Krise und Niedergang des einstigen Weltmarktführers im Geschäft mit Mobiltelefonen.

In Nokias alte Räume ist nun ein Start-up eingezogen. Wieder geht es um Handys – und so scheint es, als ginge die ganze Geschichte von vorne los. Jolla heißt das Unternehmen. Und mit einer Ausnahme sind alle Jolla-Gründer ehemalige Mitarbeiter von Nokia. Unbeirrbar halten sie an der Mission fest, die ihr ehemaliger Arbeitgeber für gescheitert erklärt hat: Handys zu bauen. Im vergangenen Jahr hat Nokia seine Handysparte an den US-Konzern Microsoft verkauft.

Bei Jolla glaubt man dennoch an Technologie aus Finnland. Das Wundermittel heißt wie das Unternehmen selbst: Jolla. Es ist das finnische Wort für Jolle, also kleines Boot. Doch es geht gar nicht um Schiffbau. Jolla ist ein Smartphone mit eigenem Betriebssystem. Und vor allem: ein finnischer Gegenentwurf zu Apples iPhone oder den vielen Handys, die mit Android- oder Windows-Betriebssystemen laufen.

Das sei keineswegs aussichtslos, sagt Marc Dillon. Der Mitbegründer glaubt so sehr an das Projekt, dass um seinen Hals sogar ein silberner Anhänger in Form einer Jolle baumelt. Tatsächlich gab es schon lange vor der Marktreife eine große Fangemeinde für Jolla: Als das Gerät vor knapp einem Jahr erstmals vorgestellt wurde, beherrschte es landesweit die Nachrichten. Die erste Charge war schnell vergriffen. Vor allem die Finnen, davon zeigt sich Dillon überzeugt, würden das Handy kaufen. Aus Solidarität und wegen des Nachholbedarfs: Ausgerechnet im Heimatland von Nokia besitzt nur jeder dritte Handynutzer ein Smartphone. In anderen Ländern Nordeuropas liegt der Anteil oft bei über 60 Prozent.

In Deutschland kostet das Jolla 399 Euro, für ein unbekanntes Gerät mit neuem Betriebssystem nicht eben wenig. Sailfish heißt die Software, die auf MeeGo basiert, einem ursprünglich von Nokia und Intel entwickelten System. Das ist kein Zufall. Fast alle Gründer von Jolla waren Entwickler bei Nokia. Sie hatten das Projekt MeeGo vorangetrieben und ärgerten sich über dessen jähes Ende. Es war eines der ersten Krisenzeichen des Konzerns.

Nun soll Jolla den Finnen alten Stolz zurückbringen. "Viele von uns haben jahrelange über neuen Produkten getüftelt. Das geht in Fleisch und Blut über", sagt Dillon. Fernab träger Konzernstrukturen wolle man nun den Neuanfang wagen. So könne man schneller und effizienter sein. "Wir verpassen keine Entwicklung", sagt Dillon und spielt auf Nokias Fehler an: Der Konzern setzte auf seine gefragte Hardware und verschlief, dass die Software immer wichtiger wurde.

An Jolla sind Investoren aus der ganzen Welt beteiligt. So sicherte sich die Holdinggesellschaft China Fortune aus Hongkong mehr als sechs Prozent an dem Unternehmen. Willkommen waren auch Zuschüsse aus Nokias "Bridge-Programm" – der Konzern unterstützte während der Krise Beschäftigte, die sich selbstständig machen wollten.

Geld und Wissen kommen also zumindest teilweise von Nokia. Geblieben ist auch der Ehrgeiz, mehr sein zu wollen als eine Firma: "Jolla ist schon jetzt eine Bewegung, die weltweit erfolgreich sein soll", beschreibt Dillon das Ziel des Teams, das heute aus mehr als 80 Personen besteht. Fünf arbeiten in einer Niederlassung in Hongkong, die anderen in Turku und in Helsinki, wo Vorstandschef Tomi Pienimäki das Jolla-Phone präsentiert.