Der moderne Mann möchte modisch wirken – allerdings nicht zu dem Preis, dass man denkt, er unterwerfe sich einem Modediktat. Für Männer ist es deshalb gut, wenn sie vernünftige Gründe angeben können, warum sie sich ein Kleidungsstück angeschafft haben. Es soll keinesfalls so wirken, als hätten sie etwas nur gekauft, weil jemand anderes das auch gekauft hat; als säßen sie also einem Trend auf. Männer kaufen der guten Verarbeitung wegen. Oder weil etwas nun mal das Allerbeste ist, was man bekommen kann. Wenn diese Argumente überzeugend klingen, ist es dem Mann eigentlich gar nicht mehr so wichtig, wie das, was er kauft, genau aussieht.

So kommt es, dass Kleidung, die ursprünglich für Arbeiter gemacht wurde, in der Mode immer wieder eine Rolle spielt. Denn diese Kleidung steht überhaupt nicht im Ruch der Eitelkeit. Die Jeanshose von Levi Strauss ist einst für Goldgräber entworfen worden. Der Kultschuh Dr. Martens sollte ein Sicherheitsschuh sein, der gut für die Füße ist. Stets war die Zielgruppe ein Publikum, das berufsbedingt eine bestimmte Ausstattung braucht – und von dem man sich die entsprechende Nachfrage versprechen konnte.

So wurde auch der Schuh populär, den Sidney Swartz 1973 für die von seinem Vater gegründete Firma Timberland entwickelt hat: ein bequemer Arbeitsstiefel, noch dazu wasserdicht. Der Timberland ist aus Nubukleder, hat eine dicke Profilsohle aus Gummi – und eine unverkennbare Farbe: Ockergelb. Es sollte der beste Schuh für hart arbeitende Männer sein. Der Yellow Boot konnte allerdings mehr – in den achtziger Jahren wurde das klobige Fußwerk zum Modeschuh. Männern bedeutete er, dass sie echte Kerle waren, und Frauen fühlten sich stark darin. In Europa wurde der Timberland durch die Paninari verbreitet – die modebewussten, Vespa fahrenden Jugendlichen Mailands – und kam immer wieder in Mode, eben weil er sich stets als antimodisch verstand.

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Vor einigen Jahren hat der Pariser Concept-Store Colette eine eigene Timberland-Kollektion vertrieben. Selbstverständlich werden diese Boots heute von Stars getragen, die Wert darauf legen, dass sie modisch nur sich selbst trauen: Kanye West, Chris Brown, Jay Z und Pharrell Williams. Und alle anderen kaufen sie auf gar keinen Fall deshalb, weil diese Stars sie tragen.