Als Kind ging ich oft allein spazieren. Meine Familie lebte in einer winzigen Bruchbude. Wir waren zu acht, sechs Kinder, zwei Erwachsene. Die Enge war albtraumhaft. Nicht weit von unserem Arbeiterviertel gab es eine Gegend mit wunderschönen großen Häusern. Dort starrte ich immer wieder ewig in die Fenster. Ich lief da herum und träumte davon, dass ich eines Tages meiner Mutter genau so ein Haus kaufen würde, mit ausreichend Platz für alle. Meine Mutter hatte kein einfaches Leben mit den vielen Kindern und einem Mann, der als Bauarbeiter sein Geld verdiente. Sie träumte von einem schöneren, geordneten und sauberen Heim. Jedes Mal, wenn ich aus der Schule kam, hatte sie irgendetwas umdekoriert. Das Traurige daran war, dass es bei uns nicht viel umzudekorieren gab.

Als meine Karriere in Fahrt kam, kaufte ich meiner Mutter umgehend ein großes Haus mit feinen Möbeln, Teppichen und so weiter. Es war mein Traum, ihr ein perfektes Leben zu spendieren. Aber leider funktioniert das ja nicht so einfach. Das Verhältnis zwischen meiner Mutter und meinem Vater war so kompliziert, dass ich lange versuchte, ihnen klarzumachen, dass sie sich trennen müssten. Meine Botschaft war: Eine Scheidung wird euch beide glücklich machen. Sie hätten ja gute Freunde bleiben können. Besonders auf meinen Vater redete ich stundenlang ein. Aber er lehnte meinen Vorschlag ab. Erst später verließ er dann meine Mutter, nach 43 Jahren Ehe – für eine jüngere Frau. Das war ein fürchterlicher Schock für mich. Ich war fassungslos. Zwar hatte ich davon geträumt, dass meine Mutter eines Tages von meinem Vater befreit sein würde, aber nicht so. In meiner Kindheit war es immer mein Vater gewesen, der davon redete, wie wichtig doch Loyalität und Familie seien. Was für ein Geschwätz.

Ansonsten hatte ich nie einen Plan im Leben. Es schien, dass ich eines Tages in dem kleinen Baubetrieb meines Vaters arbeiten würde. Alle meine Brüder brachen die Schule ab, um ihn zu unterstützen. Das wurde auch von mir erwartet. Aber ich sagte: Nein danke! Für meinen Vater auf dem Bau arbeiten? Niemals! Ich träumte allerdings auch nie davon, Popstar zu sein. Eher kam für mich eine Karriere infrage, die irgendetwas mit Mode zu tun hatte. Ich putzte mich nämlich schon als Teenager groß raus. Wenn meine Brüder mich von Weitem sahen, wechselten sie beschämt die Straßenseite. Trotzdem habe ich es ihnen zu verdanken, dass sich die harten Jungs in der Schule nicht an mich, den Paradiesvogel, herantrauten.

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In allen Konflikten konnte ich auf meine Geschwister zählen. Wir waren eine seltsame Familie, aber in Krisen rückten wir zusammen. Seit dem Tod meines Vaters funktioniert unser Familienleben noch besser, und mit den Jahren verbringen wir auch mehr Zeit miteinander. Menschen zu haben, die immer für einen da sind, ist wohl der größte Traum, der wahr werden kann.

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