Ab einem gewissen Alter kann man auch als Frau mal allein in eine Bar gehen, denn ab einem gewissen Alter wird man als Frau einfach unsichtbar. Ich würde sagen, es beginnt ungefähr mit vierunddreißig, dass die Blicke sich abwenden, bei den einen früher, bei den anderen etwas später. Ich schreibe das jetzt nicht, um bemitleidet zu werden, denn ich persönlich finde es ganz wunderbar. Ich saß neulich allein in einer schmierigen Hotelbar in Westberlin, die jungen Männer dort sahen nur ganz kurz von ihren Telefonen auf. Der ältere Mann am Nebentisch war in Begleitung dreier sehr junger Frauen. Ich trank einen Gin Fizz und aß alle Reiscracker auf. Das war an einem Mittwoch um kurz nach 18 Uhr.

Man könnte jetzt einwenden: Alkohol ist kein Mittel gegen Einsamkeit. Das stimmt. Aber ich bin auch nicht auf der Suche nach einem Mittel gegen Einsamkeit. Denn Vereinzelung ist gar nicht so schlimm, wie man immer hört. Um 1970 hatte man in Westdeutschland durchschnittlich 22 Quadratmeter für sich, heute sind es 45, lese ich. Der Anteil der sogenannten Einpersonenhaushalte lag 1991 bei 34 Prozent, im Jahr 2012 lag er bei knapp 41 Prozent. Das ist doch prima! Ein Einpersonenhaushalt hat gegenüber dem Zweipersonenhaushalt den Vorteil, dass die eine Person der anderen nicht auf die Nerven gehen kann.

Doch die Angst vor Einsamkeit sitzt tief, so tief, dass gute Angstfilme vom Alleinsein handeln, wie Gravity, wie All is lost, so tief, dass es uns egal ist, wenn man in unsere Privatsphäre eindringt und uns unsere Daten klaut und sie verscherbelt, denn die viel schlimmere Vorstellung ist die, dass überhaupt niemand mehr in unsere Privatsphäre eindringen will.

Ich komme aus unübersichtlichen Patchworkverhältnissen, in denen schnell mal das Gefühl entsteht, es seien ein paar Leute zu viel im Raum. Aber ich denke auch, gerade als Frau sollte man dankbar sein für die Möglichkeiten, die das Alleinsein bietet: aus Demut vor der Geschichte der Frau, die eine Geschichte erzwungener Geselligkeit ist. Wenn man heute zum Beispiel keinen Mann findet, mit dem man sich gut versteht, bleibt man einfach eine Zeit lang allein. Das erlaubt der Gesetzgeber inzwischen. Man gilt als alleinstehende Frau vielleicht als eigentümlich, irgendwie unweiblich, vielleicht auch als gescheitert. Aber wichtig ist bekanntlich nicht das, was die Leute über einen sagen, wenn man nicht dabei ist, sondern was sie einem ins Gesicht sagen.

Wird der Chefredakteur der Zeitschrift Closer, ein gewisser Tom Junkersdorf, wenn er Heidi Klum das nächste Mal trifft, zu ihr wohl sagen: "Oh Gott, Sie Arme, Sie sind schon 40 und haben gar keinen Mann! Darüber habe ich neulich schon mein Editorial geschrieben"? Ich denke nicht. Ich denke, er wird sich ein Autogramm geben lassen.