Die Türkei ist ein Land im Fluss, immer in Bewegung. Innerhalb einer Woche, manchmal auch innerhalb eines Tages, kippt die Stimmung. In In- und Ausland sahen viele das Land bis vor Kurzem als erfolgreiches Modell für Islam und Demokratie, als wohlhabende Volkswirtschaft und einflussreichen Mittler im Nahen Osten. Davon ist nicht mehr viel übrig. 2014 ist das Jahr, in dem der Fluss, der mein Land ist, über die Ufer zu treten droht.

Jeder Tag bringt einen neuen Skandal. Kaum ist der eine halbwegs verdaut, bricht schon der nächste aus. Auf einem kürzlich veröffentlichten Tonbandmitschnitt spricht angeblich Premierminister Tayyip Erdoğan mit seinem Sohn darüber, größere Geldbeträge verschwinden zu lassen. Die Nation ist darüber zutiefst gespalten: Die einen sagen, es handele sich um eine Montage, die anderen wollen darin das wahre Gesicht einer korrupten Regierung erkennen. Mehr als vier Millionen Mal wurde der Clip an nur einem Tag auf YouTube abgerufen.

Was für eine Erschütterung wir derzeit durchleben, zeigen die jüngsten Verschwörungstheorien. Der Premierminister hat wiederholt ausländische Einflüsse hinter den Protesten im Gezi-Park verdächtigt. Regierungsvertreter deuteten an, dass dunkle Mächte am Werk seien – die jüdische Diaspora, CIA, BBC, CNN und die "Zinslobby", wie Erdoğan die in- und ausländischen Banken nennt, die der Türkei angeblich schaden wollen, um selbst davon zu profitieren. Eine türkische BBC-Reporterin wurde offen der Spionage bezichtigt, Gezi-Demonstranten wurden als Terroristen bezeichnet. Auch die Lufthansa geriet in Verdacht. Ein Berater des Premiers behauptete, das Ausland wolle den Bau eines dritten Istanbuler Flughafens blockieren, um zu verhindern, dass Istanbul zum wichtigsten Drehkreuz Europas werde.

Nicht nur die Regierung produziert Verschwörungstheorien. In einem Bestseller heißt es, Erdoğan sei in Wirklichkeit Jude und stehe im Dienste westlicher Geheimdienste. In den Sozialen Netzwerken werden endlos Gerüchte über einen sogenannten "tiefen Staat" im "tiefen Staat" verbreitet.

Wir haben uns in eine Nation der Paranoiden verwandelt. In der Öffentlichkeit wächst die Sorge, dass Nachrichten gefiltert oder sogar manipuliert werden. Kürzlich wurde bekannt, dass die in einer großen Zeitung veröffentlichten politischen Umfrageergebnisse gefälscht wurden – auf direkte Anweisung des Premierministers. Die Zweifel an den türkischen Medien sind so groß wie nie zuvor.

Verschwörungstheorien verbreiten sich in der Türkei dank des allgegenwärtigen Internets noch rascher. Die Meinungsfreiheit wird beschnitten, die Medienvielfalt schrumpft, deshalb sind Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter der einzige alternative Raum für Kommunikation und Information. Aber auch für Desinformation. Doch auch dieser Raum wird nun durch ein neues Internetgesetz gefährdet.

Warum verfallen wir Türken Verschwörungstheorien so sehr? Wir sind nun einmal keine reife Demokratie. Die Politik ist männlich, aggressiv, und sie polarisiert. Die Machthaber sind einfach zu mächtig. Es gibt keine gegenseitige Kontrolle der Verfassungsorgane, keine saubere Gewaltenteilung, keine freien Medien. Das spaltet das Land und führt zu Misstrauen in jedem Bereich des gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens.