Warum der Krimkrieg II? Putin lebe "in einer anderen Welt", habe die Kanzlerin berichtet. Verbrieft oder nicht, so ist es. Er lebt im 19. Jahrhundert, im Zeitalter der Machtpolitik. Seine Strategie ist das Nullsummenspiel: Dein Verlust ist mein Gewinn, und der misst sich an Einverleibung und Herrschaft. Das Prinzip ist das alte russische "Kto kowo?" – "Wer unterwirft wen?". Das Mittel ist die Gewalt, das Ziel die Rückeroberung des Imperiums, das nach dem Mauerfall verloren ging.

Der Westen, zumal Europa, lebt im 21. Jahrhundert. Clausewitz ist tot, der Krieg ist nicht mehr Instrument der Politik. Rivalen messen sich auf dem Markt, nicht auf dem Schlachtfeld. In dieser Arena herrschen Regeln und Verträge, ihr Sinn ist der gemeinsame Gewinn. Der Nationalismus ist verblasst, die Abrüstung hat inzwischen auch Amerika erfasst.

Der Westen, ernüchtert von den Kriegen in Mittelost, spielt Kricket, der Kreml spielt Baseball mit schweren Schlägern, wo brutale Kraft, Tempo und List den Gegner aus dem Feld werfen. Ein zynischer Rezensent kann Putin nur applaudieren. Er wusste genau, wo, wann und wie er zuschlagen musste; er hat das Risiko präzise kalkuliert. Nicht die halbe Ukraine hat er sich gegriffen, sondern nur die Krim – "ur-russisches" Land, das die roten Zaren vor 60 Jahren an die Ukraine verschenkt hatten. Er kam nicht als Eroberer, sondern als Schutzherr der russischen Mehrheit. Der strategische Vorteil – Geografie und Kräfteverhältnis – lag auf seiner Seite.

Russland steht zumindest mit einem halben Fuß im 21. Jahrhundert

Es war ein geopolitisches Meisterstück, das den Westen überrumpelt und auseinandergescheucht hat. Nato und EU können den Kricket- nicht mit dem Baseballschläger vertauschen; sie haben keinen. Wenn Berlin die Parole ausgibt, wonach alle "mit einer Stimme sprechen" müssten, heißt das, der Westen wird mit gar keiner Stimme sprechen. Die Krim ist ein Fait accompli.

Und ein Remake von Georgien 2008. Diesem Kurzkrieg folgte die Abspaltung Abchasiens und Südossetiens unter russischem Dach. Heute redet niemand mehr von Georgien. Der Krim-Feldzug ist noch besser, weil er erzieherisch auf Kiew wirkt. Wer immer dort die Oberhand gewinnt, wird das Thema Demokratie und EU künftig leise spielen. Schließlich: Wer zweimal mit so knappem Risiko gewinnt, wird es abermals versuchen – stets unterhalb der großen Provokation. Die Hilflosigkeit des Westens ist die Einladung zum Weiterarrondieren. Das Ziel ist die Revision des Verdikts von 1989, als Moskau sein Riesenreich bis zur Elbe verlor.

Kann das der Westen wollen? Die Polen und Balten wollen es bestimmt nicht, auch nicht die befreiten Länder im Süden der alten Sowjetunion. Zehnmal schwieriger ist die Frage, ob es die Kricketfreunde mit Putins Baseball-Brigade aufnehmen können, umso mehr, da sich Obamas Amerika vom Spielfeld zurückzieht. Jetzt redet erst einmal die Ukraine-Kontaktgruppe, derweil Russlands Truppen zwar in die Kasernen zurückkehren, aber die Panzer gefechtsbereit bleiben und Kriegsschiffe im Schwarzen Meer kreuzen. Aber worüber reden? Dass sich Russland so verhalten möge wie der Westen – Konkurrenz ja, aber verantwortungsbewusst?

Putin spielt kein Verantwortungs-, sondern ein Nullsummenspiel. Deshalb dringt er in ein Machtvakuum ein, wo es sich anbietet (Nahost); deshalb holt er sich, was er kriegen kann (Krim). Und er kann nicht wollen, dass in der Ukraine die Demokratie triumphiert. Greift dieser "Infekt" auf Russland über, bedroht er die Grundfesten seiner kleptokratischen Herrschaft.