Für den Wandel des Schamverhaltens in neuerer Zeit ist der 22. April 1969 ein bezeichnendes Datum. An diesem Tag stürmten drei junge Frauen auf das Podium im Hörsaal VI der Frankfurter Universität, als sich der Philosoph Theodor W. Adorno eben anschickte, seine Vorlesung zu halten. Plötzlich sah er sich von den Studentinnen umringt, die ihre Jacken öffneten und ihn mit ihren nackten Brüsten bedrängten. Adorno wehrte sich mit erhobener Aktentasche und floh aus dem Saal.

Dem sogenannten "Busenattentat" waren politische Konflikte zwischen Adorno und den linken Studenten vorausgegangen, Konflikte, die auf einem grundlegenden Missverständnis beruhten. Es bestand in der Hauptsache darin, dass der Philosoph als Ideen- oder Stichwortgeber der eben aufgebrandeten studentischen Revolte galt. Sein berühmtes Diktum "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" geriet zur Parole eines fundamentalen Nichteinverstandenseins. Aber keine These Adornos, und diese erst recht nicht, wäre als Handlungsanleitung tauglich gewesen.

Infolgedessen war es wenige Monate vorher zur Besetzung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung gekommen. Dessen Hausherr Adorno hatte die Polizei gerufen und die Studenten entfernen lassen. Jetzt, am 22. April, verteilte die "Basisgruppe Soziologie" Flugblätter, auf denen zu lesen stand: "Adorno als Institution ist tot!" Das "Busenattentat" war also die Rache durch einen Akt öffentlicher Demütigung. Dass die "aggressive Entblößung der Brüste" schon immer eine weibliche und nicht selten wirkungsvolle Waffe gewesen ist, zeigt Hans Peter Duerr in seinem Buch über Obszönität und Gewalt. Selbst heute noch, da öffentliche Nacktheit kaum mehr skandalös ist, erregen Oben-ohne-Aktionen die mediale Aufmerksamkeit, was sich die feministische Gruppe Femen zunutze macht.

Um die besondere Provokation der Aktion von 1969 zu verstehen, muss man sich die Zeitumstände vor Augen halten. Dass Frauen Hosen trugen, nicht Kleider oder Röcke, war damals noch ungewöhnlich. Eine mittelständische junge Generation demonstrierte ihren Widerstand gegen die Generation der Älteren zunächst einfach dadurch, dass sie sich anders kleidete, andere Filme sah, andere Musik hörte, andere Bücher las. Man ignorierte Stefan Andres und Ernst Jünger zugunsten von Jean-Paul Sartre und Albert Camus, man verachtete Vivaldi, Beethoven oder Bach und verbrachte die Nächte in Jazzkneipen, man spottete über Heinz Rühmann und liebte Jean-Paul Belmondo, man ignorierte Dauerwelle und Bügelfalte, Kostüm und Hut, man trug lange Haare, Jeans und kurze Röcke. Die bürgerliche Öffentlichkeit war aufs Äußerste empört.

Der 22. April 1969 hat den Verhaltenswandel, der später ubiquitär werden sollte, nicht ausgelöst. Aber er war Ausdruck dessen, was man als Schamvernichtungskampagne der Achtundsechziger beschreiben kann. Sie waren entschlossen, Schamgefühle als Relikte der alten Zeit abzutun, als Bodensatz jener verdorbenen bürgerlichen Eltern, von denen Gudrun Ensslin 1967 gesagt hatte: "Dies ist die Generation von Auschwitz – mit denen kann man nicht argumentieren!" Es begann das Abdriften in den Terrorismus, begleitet von jenem oft geschilderten, ebenso begrüßten wie beklagten antiautoritären Umerziehungs- und Selbsterziehungsprogramm – von den Bürgerschreckskommunen mit Partnertausch und ausgehängten Klotüren bis hin zu den Kinderläden, in denen der Missbrauch Minderjähriger ideologisch kleingeredet wurde.

Dieses Programm dauerte nicht sehr lange und wäre für sich allein nicht erfolgreich gewesen, wenn es nicht Teil eines viel radikaleren Modernisierungsschubs geworden wäre. Der bis dahin vergleichsweise moderate Kapitalismus, den Ludwig Erhard "soziale Marktwirtschaft" getauft hatte, begann sich zu beschleunigen und zu internationalisieren. "Alte Zöpfe" mussten weg (so 1969 die Wahlparole der FDP), sesshafte Großfamilien mussten der flexibleren Kleinfamilie weichen, Mobilität war das neue Gebot. Der Warenverkehr wurde schneller und weiträumiger, dank neuer Verkehrswege und Informationsmittel. All dem standen die vertrauten Traditionen entschieden im Weg. Auch die alte Moral, die auf bodenständiger Gemeinschaft beruhte, von ihr weitergegeben und kontrolliert wurde, taugte immer weniger für die erweiterten ökonomischen Chancen und Zwänge. Später dann hat die weltweite Vernetzung mit ihrem beschleunigten Datenaustausch diesen Prozess bekanntlich nochmals verstärkt. Und man muss es eine Ironie der Geschichte nennen, dass die antibürgerliche Revolte der Achtundsechziger, die sie selber als antikapitalistische verstanden, dazu beigetragen hat, einem global agierenden Kapitalismus freies Gelände zu verschaffen, unbehindert von traditionellen Förmlichkeiten.

1984 erschien in der von Gerd-Klaus Kaltenbrunner herausgegebenen Herderbücherei Initiative ein Bändchen über Das Zeitalter der Schamlosigkeit. Die Reihe war der alles in allem vergebliche Versuch, dem libertären Trend der Zeit konservativ-christliche Werte entgegenzusetzen. In seiner Einleitung zitiert Kaltenbrunner warnend den Brief "eines humanistisch gebildeten Naturwissenschaftlers aus der Sowjetunion", in dem es heißt: "Ich habe seit frühester Jugend die deutsche Wissenschaft und Kultur bewundert. Doch nach den in der Bundesrepublik gemachten Erfahrungen werde ich zögern, noch einmal dieses Land zu betreten. Was mir hier in Zeitschriften, Filmen, Theateraufführungen, im Verhalten der Öffentlichkeit und insbesondere in Prominentenkreisen an Schamlosigkeit, Zerrüttung, Verlust jeglicher Würde, ja bewußter Zersetzung begegnete, das wollte ich in meinem Lande wahrlich nicht haben."

Man kann nur hoffen, dass der gute Mann seinen Besuch in Deutschland nicht zehn oder zwanzig Jahre später wiederholt hat. Angenommen, er hätte ihn riskiert: das schiere Entsetzen hätte ihm die Sprache verschlagen. Er hätte Fernsehserien gesehen, deren Sinn und Zweck einzig im Exhibitionismus der Darsteller und im Voyeurismus der Zuschauer bestand, Serien, die keine Entblößung scheuten, sei sie seelisch oder körperlich, und keine Demütigung, sei sie noch so niederträchtig. Er hätte wahrnehmen können, dass prominente Akteure der Gegenwartskunst auf die Idee verfielen, simple Pornografie zu nobilitieren und für Kunstsammler marktgängig zu machen – wie etwa die Fotografin Natacha Merritt, die ihr Liebesleben in Digital Diaries gnadenlos dokumentierte; oder wie der Popkünstler Jeff Koons, der aus seinen hier vaginalen, dort analen Zusammenkünften mit einer früheren Prostituierten Bilder generierte, die darzubieten namhafte Galerien und Zeitschriften keine Schwierigkeiten sahen. Weshalb dann sogar ein Hamburger CDU-Senat sich beeilte, diesen Künstler um eine Neugestaltung der Reeperbahn zu bitten (aus der schließlich nichts wurde).