Die US-Wirtschaft erlebt ein Comeback. In den vergangenen 47 Monaten ist sie ununterbrochen gewachsen, allein im vierten Quartal 2013 um 2,4 Prozent, der Immobilienmarkt hat sich nach der jüngsten Finanzkrise erholt – und vor allem: Die Unternehmen schaffen wieder Jobs. 2013 kamen im Schnitt 200.000 Stellen pro Monat dazu. Geht es so weiter, könnte dieser Aufschwung der längste seit dem Boom in den neunziger Jahren unter Präsident Bill Clinton werden.

Doch diese Entwicklung geht mit einem Paradoxon einher: Angetrieben wird sie von den beiden bevölkerungsreichsten Bundesstaaten, deren wirtschaftliche und politische Modelle unterschiedlicher nicht sein könnten: Texas setzt auf wenig Steuern, wenig Regulierung, wenig Staat – Kalifornien auf das Gegenteil.

Die Antwort auf die Frage, ob sich ein Modell durchsetzt und wenn ja, welches, wird weitreichende Folgen für viele Amerikaner haben. Es geht auch darum, wie das Land auf die wachsende Ungleichheit reagieren soll. Es geht um die Frage: Sparen oder umverteilen?

Kalifornien

Investitionen in Menschen: Gib uns dein Geld, wir helfen dir!

In der Founders Den, einer Art Privatclub für Unternehmer in San Franciscos aufstrebendem Viertel South of Market, fällt Gavin Newsom schnell auf. Er ist der einzige Anzugträger zwischen den Endzwanzigern in der üblichen Start-up-Uniform aus Button-down-Hemd und Jeans. Newsom, den hier alle Gavin nennen, ist stellvertretender Gouverneur von Kalifornien und in dieser Funktion so etwas wie der Übervater der Silicon-Valley-Gründerszene. So jedenfalls versteht er seinen Job. Deswegen bittet der Politiker auch hierher zum Gespräch.

Der stellvertretende Regierungschef Kaliforniens spricht über den bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat wie über ein vielversprechendes, wenn auch optimierungsbedürftiges Unternehmen. Die Welt der Geschäftsleute ist ihm schließlich vertraut: Bevor der 47-Jährige in die Politik wechselte, zog er einen Weinhandel auf, in dem er nach wenigen Jahren schon 700 Angestellte beschäftigte. Sein Geschäftsmodell für Kalifornien: "Wir investieren in Menschen." Dazu gehörten ein soziales Netz, Krankenversicherung und Umweltschutz. Deshalb könne Kalifornien auch nicht der günstigste Standort sein, "aber der beste": Die wahre Kunst sei es, kleine Firmen so zu unterstützen, dass sie zu großen Unternehmen heranwachsen können, sagt Newsom – und in dieser Disziplin sei Kalifornien allen anderen überlegen.

Um die "Konkurrenz zu checken", ist Newsom jüngst nach Texas gereist. Was er dort sah, fand er nicht sehr überzeugend. Er hält nicht viel von der texanischen Erfolgsformel. Der Rückzug des Staates sei keine nachhaltige Lösung. Auch Unternehmer von anderen Standorten abzuwerben wie Rick Perry, der Gouverneur von Texas, bleibe letztlich ein Nullsummenspiel, das niemandem helfe.

Newsoms Selbstbewusstsein gründet auf einer unverhofften Erfolgsgeschichte: Seine Heimat gehört inzwischen zu den Bundesstaaten mit dem kräftigsten Jobwachstum, 18 Prozent aller neuen US-Stellen im Dezember haben kalifornische Unternehmen geschaffen. Es ist ein Comeback, das selbst die sonnigsten Gemüter überrascht hat. Vor vier Jahren stand Kalifornien kurz vor der Staatspleite, es war die Rede vom "Griechenland der USA". Doch der aktuelle Haushalt weist einen Überschuss von 4,6 Milliarden Dollar auf. Wäre der Bundesstaat ein unabhängiges souveränes Land, wäre es die achtgrößte Volkswirtschaft der Erde, gleichauf mit Italien und Russland. Nach dem Platzen der Internetblase Ende der neunziger Jahre hat die Tech-Industrie einen neuen Aufschwung erreicht. Apple, Google und Facebook sind hier zu Hause und melden Milliardengewinne. Sein Comeback verdanke Kalifornien, davon ist Newsom überzeugt, seiner Mischung aus Unternehmergeist und Innovation. Die Silicon-Valley-Kombination aus Elite-Hochschulen und erfahrenen Risikokapitalgebern sei oft kopiert, aber bisher unerreicht. Über 40 Prozent des amerikanischen Risikokapitals fließt nach Kalifornien – der Löwenanteil der Start-up-Finanzierung. Zum Vergleich: Die Nummer zwei, Neuengland, erhält nur elf Prozent. Kalifornien hat auch den höchsten Anteil an Patentanmeldungen der USA.

Keller Rinaudo wäre mit seiner Roboter-Firma Romotive ohne diese Umstände wohl nicht nach Kalifornien gekommen. Im Betrieb des 26-Jährigen sieht es aus wie in einem Kinderladen, Plastikspielzeug liegt zwischen Computerstationen. Auf dem Boden jagt Romo einem gelben Gummiball nach. Der Miniroboter ist eine fahrbare Plattform, auf die sich ein iPhone stecken lässt. Nach dem Anschließen erscheinen Kulleraugen und ein freches Zahnlückenlächeln auf dem Telefondisplay, und Romo ist einsatzbereit. Romo soll Kindern spielend das Programmieren beibringen, sie können ihn mit simplen Befehlen dazu bringen, einfache Manöver auszuführen. "Die kleine Tochter eines Kollegen ist mit ihm stundenlang herumgelaufen wie mit einem Hund", erzählt Rinaudo.

Rinaudo hat große Pläne. Deshalb hat er sich vor ein paar Monaten dazu entschlossen, mit Romotive von Las Vegas nach San Francisco umzuziehen – trotz der deutlich höheren Personalkosten, der berüchtigten Bürokratie und der viel höheren Miete in Kalifornien. Aber die Vorteile überwiegten, glaubt Rinaudo. "Die Spezialisten, die wir brauchen, um weiterzukommen, bekommen wir nur hier." Dazu kommt das Netz von Unternehmern. Die Räume mit der Werkstatt für Prototypen hat Romotive von einem Start-up übernommen, dem sie zu klein geworden waren. "Die Möbel haben sie uns gleich dagelassen", sagt Rinaudo.

Die Mehrheit der Kalifornier erlebt den Erfolg des Silicon Valley indes aus der Entfernung, nur eine Minderheit profitiert vom wachsenden Reichtum. Während manche Tech-Unternehmen ihren Praktikanten bis zu 75.000 Dollar im Jahr zahlen, gelten 24 Prozent der Kalifornier als arm. Das ist der höchste Bevölkerungsanteil im US-Vergleich. 22 Prozent aller Obdachlosen in den USA leben in Kalifornien. In Texas sind es lediglich fünf Prozent. Die Blüte von San Franciscos armer Schwester Oakland liegt Jahrzehnte zurück. Die Hafenstadt kämpft seit Generationen mit hoher Arbeitslosigkeit, die Immobilienkrise hat zu zahlreichen Zwangsversteigerungen geführt. Viele der alten viktorianischen Häuser sind mit Brettern verbarrikadiert. In der 400.000 Einwohner zählenden Stadt geschehen nach Detroit die meisten Gewaltverbrechen in den USA, Oaklands Spitzname ist deshalb "Murder City".

Die Hoffnung, dass globale Internetgiganten wie Apple, Google oder Facebook nicht nur Jobs für Ingenieure, Programmierer und Marketingexperten bringen würden, hat sich in Oakland nicht erfüllt. Anders als die Industriekonglomerate früherer Zeiten haben die neuen Konzerne Hausmeister, Sicherheitsdienste und andere Funktionen an Subunternehmen ausgelagert. "Und die zahlen oft nur Mindestlohn", berichtet Nikki Fortunato Bas, die Leiterin von East Bay Alliance, einer Bürgerinitiative in Oakland. Als selbst Oakland damit begann, sich besonders um die Wohlhabenden und Gutverdiener zu kümmern, wurde es Fortunato Bas zu viel. Private Bauunternehmen sollten auf dem Areal der ehemaligen Marinebasis, einem Gelände gleich neben der Bay Bridge voller Schutthaufen und von Unkraut bewachsenen Lagerhallen, Eigentumswohnungen und Einkaufszentren entwickeln dürfen. Annehmlichkeiten für die zahlungskräftige Hightech-Klasse. Nach jahrelangem Kampf setzte sich die Bürgerinitiative durch. Jetzt soll auf der Industriebrache ein modernes Logistikzentrum entstehen, mit rund 3.000 vorübergehenden Baujobs und mindestens 2.000 dauerhaften Arbeitsplätzen. "Aber wir brauchten viel mehr", sagt Fortunato Bas.

Wer für Unternehmen wie Apple, Google oder Facebook arbeitet, verdient gut und erhält großzügige Sozialleistungen. An ihren Arbeitsplätzen stehen den Mitarbeitern Cafeterias mit biodynamischen Menüs, Fitnessclubs und Masseure zur Verfügung. Börsengänge wie jener von Facebook können Angestellte über Nacht zu Millionären und Milliardären machen. Der Luxus macht Schlagzeilen, so wie die Hochzeit des Internetpioniers Sean Parker, ausgerichtet im Stil der TV-Fantasyserie Game of the Thrones, mit Imitat-Ruinen und falschen Wasserfällen. Rund zehn Millionen Dollar soll das Fest gekostet haben. Die neue Tech-Elite und ihre Parallelwelt lösen zunehmend Feindseligkeiten aus. Für Mittelschichtfamilien ist es inzwischen fast unmöglich, die Mieten in San Francisco und Umgebung zu bezahlen.

Wie tief die Spannungen gehen, zeigen die Proteste gegen die sogenannten Google-Busse. Die privaten Transporter mit ihren verdunkelten Scheiben chauffieren Angestellte des Suchmaschinengiganten und anderer Tech-Unternehmen zwischen Heim und Arbeitsplatz – vorbei an den nicht privilegierten Pendlern, die auf die oft verspäteten und überfüllten Stadtbusse warten müssen. "Statt den öffentlichen Nahverkehr für alle zu verbessern, ziehen es die Konzerne vor, eine private Lösung zu suchen", kritisiert Michael Barnes, früherer Bürgermeister von Brisbane, einem Vorort, und einer der Demonstranten, die in San Francisco in den vergangenen Wochen wiederholt die Transporter blockierten. Kurz vor Weihnachten wurde dabei sogar ein Busfenster eingeschlagen. Meist halten die Protestanten aber nur Plakate hoch, etwa mit der Aufschrift: "Achtung: Zweiklassengesellschaft".

Kalifornien ist von den Erfolgreichen und ihren Investments abhängig wie kein anderer Bundesstaat, weil es sich fast ausschließlich aus Einkommens- und Kapitalertragssteuern finanziert. Die jüngste Sanierung der Staatsfinanzen gelang Gouverneur Brown nur durch eine – befristete – Erhöhung des Spitzensteuersatzes. An der Abhängigkeit der Staatsfinanzen von den gut ausgebildeten Spitzenverdienern hat der demokratische Gouverneur nichts geändert. Nur wenn es ihnen gut geht, geht es auch Kalifornien gut. Also werden Kaliforniens Politiker weiterhin dafür sorgen, dass die Google-Busse ungehindert rollen.