Coldfoot Camp, inneres Alaska, Sonntagmorgen, sechs Uhr. Das Klopfen an meiner Tür hatte ich schlaftrunken ignoriert, aber es klopfte ein zweites Mal, also stand ich halbnackt auf und drehte den Knauf. "Good morning, Christian", sagte Dave, "let’s go to Deadhorse." Er war also tatsächlich gekommen!

Wir aßen Haferschleim mit Cranberrys, dann bogen wir auf den Highway ein. Um halb zehn ging die Sonne auf. Der Himmel brannte, und die Gebirge glühten wundersam. So begann mein großes Alaska-Abenteuer, die Reise auf dem legendären Dalton Highway zum Polarmeer und die stille Freundschaft zu einem Mann, der mein Vater hätte sein können, gläubiger Siebenter-Tags-Adventist war und ein so zartes Gemüt hatte, dass er später weinen würde.

Drei Tage zuvor hatte ich noch keine Ahnung, dass Dave Bartlett überhaupt existierte. Ich war von Fairbanks nur 20 Kilometer weit bis zum Hilltop Truck Stop gekommen, dann ging nichts mehr. Hügelan fiel Regen und gefror sofort, und der Highway, dessen 1.330 Kilometer nach Deadhorse hinauf und zurück ich unbedingt bezwingen wollte, sperrte sich selbst. Der Asphalt war kalt, die Luft warm und die Eisschicht lebensgefährlich. Entnervt traf ein Trucker nach dem anderen im Hilltop ein – größeres Glück hätte ich nicht haben können. Jedes Abenteuer ist der Sturz ins Unvorhersehbare, und jetzt gab es einen ersten Fingerzeig des Schicksals: Einer dieser Männer würde mich schon mitnehmen auf die vielleicht nördlichste, vielleicht gefährlichste, vielleicht einsamste Straße der Welt, obwohl die Transportunternehmen das aus Versicherungsgründen stets ablehnen. Trucker Ross hatte abgesagt, Mike, den ich von Ross kannte, nicht mehr zurückgerufen, und mehrere Tage lang hatte ich gar nichts erreicht. Klar war zu jeder Minute: Wer ans Polarmeer will, muss auf den Dalton Highway. Eine andere Straße gibt es nicht, und weil im Winter keine Mietwagen verliehen werden, kam dafür nur der Truck infrage.

Auf dem Hilltop-Parkplatz wummerten zahllose Motoren vor sich hin, und im Truck Stop Café lief Countrymusik aus einer lange vergangenen Ära. Niemand konnte fassen, dass der Winter von Alaska es auf zwei Grad plus gebracht hatte, während die "unteren 48" – wie man hier oben, im 49. und nördlichsten Bundesstaat, den Rest der USA nennt – in Schnee und Chaos versanken. Die Hitze von Plusgraden war eine Kränkung für jenes Land, dessen Ökonomie und Kultur sich winters auf minus 40 Grad Celsius eingerichtet haben. Und dann sah ich Dave.

Er trug eine blaue Schildkappe, trank Kaffee aus einem Thermosbecher, hatte graue Haare und weder einen dicken Bauch noch einen dichten Bart. Es dauerte ein Telefonat mit seinem Boss, dann war die Sache klar: Sobald es unter null ginge, würde ich mit Dave in seinem Kenworth losfahren. Doch zwei Tage lang blieb es unverschämt warm. Weil mir die Wetterlage auch für den dritten Tag zu unsicher war, buchte ich einen Flug zum Coldfoot Camp, das exakt auf der Mitte des Highways liegt. Nach einer Stunde Flugzeit landete die zweimotorige Piper auf einer Decke aus Eisschnee. Im Camp gibt es weder WLAN noch Glasfaserkabel, nur das Slate Creek Inn mit 52 Zimmern, das nördlichste Postamt der USA, zwei Benzinsäulen und ein Trucker-Café mit drei analogen Satellitentelefonen.

"Südwärts oder nordwärts?", ist im Camp-Café stets die erste Frage. Alle Trucker haben ihre Geschichten, und alle haben ihre Anekdote, jeder hört jedem zu, jeder darf ausreden. Es geht nicht um Football oder Frauen, alles dreht sich um die Straße, um den Stolz darauf, nicht umgekippt zu sein, um heroische Ausweichmanöver und Begegnungen mit Moschusochsen, Rentieren oder Elchbullen wie jenem, der kürzlich vor einem Kenworth – wie sich der Fall für dessen Fahrer darstellte – Selbstmord verübt hatte. Trucken ist keine Arbeit. Es ist Liebe, meist lebenslang.

Coldfoot Camp, Highwaykilometer 414, ist der einzige Stopp für Nachschub, Benzin, Nahrung und menschliche Begegnung auf der gesamten Strecke. Aussteiger und frisch graduierte Studenten, auf der Suche nach dem Sinn des Seins in der Einsamkeit, kochen, waschen, managen und bieten Touren an, und ebendort wollte Dave mich, so er fahren würde, am Sonntag aufgabeln. Samstagabend kaufte ich eine AT&T-Prepaidkarte, erreichte aber nur seine Mailbox. Weitere fünf Mal sprach ich auf Band, dann ließ ich einen Zettel für ihn an den Nachrichtenbaum pinnen, verließ das Café und wollte zu meiner Unterkunft über den Parkplatz gehen, als sich plötzlich das Unglaubliche offenbarte.

Im klaren, kalten Himmel über Coldfoot tanzte die Aurora! Jene überirdische, kosmisch umflorte Erscheinung, auf die alle in Alaska warten, die alle ersehnen, deretwegen im Januar und Februar Tausende Japaner und Thailänder in die arktische Wildnis kommen, weil einem Mythos zufolge jedes Kind, das unter ihrem Licht gezeugt wird, glücklich, reich und berühmt wird. In Richtung Nordpol, unterhalb des Sternbilds Großer Wagen, über einen gestochen scharfen Horizont, spannte sich wie ein sich schlängelndes, wellenartig sich fortbewegendes, scheinbar lebendes Band aus gelbgrünem Licht ein Bogen über uns, als sei der sprichwörtliche Geist aus der Flasche des Universums entwichen. Etwas so Schönes kann nur weiblich sein, dachte ich, und die überaus eigenwillige Aurora tanzte und tanzte die gesamte Samstagnacht hindurch. Manche warten Wochen, andere ihr Leben lang auf eine Aurora borealis.