Dem Internetkritiker Evgeny Morozov ist dafür zu danken, dass er beharrlich, ja fast schon penetrant auf dem Punkt herumhämmert, dass das Internet nicht einfach ein Ding und ebenso wenig bloß ein Rechnernetz ist. Es ist ein Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse. Schlagend deutlich wird das auf Fachkonferenzen der Softwaretechniker, auf denen es um Regeln und Organisation, um Hierarchien und Befehlsketten geht, um Protokolle, Verträge, Zuständigkeiten, Praktiken. Der Computerpionier Joseph Weizenbaum, zugleich der Großvater der Computerkritik, drückte den Sachverhalt vor fast 40 Jahren so aus: "Ein Programm zu schreiben bedeutet, einer Welt Gesetze zu geben."

Es ist Zeit, dass die Politik im Digitalen aufs Ganze geht

Jahrzehnte später machte der amerikanische Verfassungsrechtler Lawrence Lessig daraus den Slogan "Code is law", der Code ist das Gesetz. Damit meinte er, dass im Cyberspace sehr wohl Normen herrschen: die Regeln, die von Computerprogrammen aufgestellt werden. Alles, was wir mit einer programmierten Maschine tun, sei es ein Handy, ein Laptop, eine Spielkonsole oder ein Auto, wird vorstrukturiert von ihren Programmen. Als sie geschrieben wurden, hatten die Programmierer ein Bild davon vor Augen, wie Menschen mit den Maschinen umgehen sollten, also von bestimmtem menschlichem Verhalten. Und zwar ein Verhalten, das den Interessen derjenigen entsprechen soll, die diese Maschinen in die Welt setzten. Der Code ist das Gesetz, und das Gesetz verfolgt Interessen. Nur eben, dass diese Interessen sich in Maschinenform kristallisieren und dass damit die Vorgaben, denen wir "Benutzer" folgen, uns als Eigenschaften von Dingen erscheinen. Was ihnen eine Aura des Objektiven verleiht.

Weizenbaum war wohl der Erste, der auf diesen Effekt gestoßen war. Er hatte 1966 ein Programm namens "Eliza" geschrieben, das einen Dialog zwischen einem Computer und einem Menschen simulieren sollte. Als Gesprächssituation wählte Weizenbaum den Dialog zwischen Psychotherapeut und Patient. Ein oberflächliches Programm, wie er meinte, bis er eines Tages seine Sekretärin dabei ertappte, dem Computer ihre Seelennöte mitzuteilen. Heute begegnen viele von uns den Resultaten von Google mit der gleichen Leichtgläubigkeit.

Programmcode strukturiert gesellschaftliche Welten. Wer sich heute programmierend am Aufspannen der neuen Technosphäre beteiligt, setzt ebenfalls Normen, die auf Interessen und Ideen gründen. Betreuungsroboter für Pflegebedürftige werden danach entworfen, wie sich deren Programmierer nun mal die Interaktion mit Gebrechlichen vorstellen, oder auch: welches Bild sie vom gebrechlichen Menschen haben. Autonome Spielzeugroboter für die Kinderpsychiatrie werden aufgrund bestimmter Vorstellungen davon konstruiert, was ein seelisch gesundes Kind sei.

Wobei wir uns unter Robotern eben nicht nur Apparate vorstellen dürfen, vielmehr sind auch automatische Auskunftsysteme robotisch, etwa die zur Kundenabwehr konzipierten "Kontaktformulare" sogenannter Dienstleistungsunternehmen. Auch sie drücken ein Menschenbild aus, wie jeder weiß, der schon einmal die Verachtung gespürt hat, die sie ausstrahlen.

Der Mensch als Untertan und Zielgruppe

Womit wir bei Google und Facebook, Apple, Amazon und staatlichen Überwachungsbehörden wären, die gleichfalls den Bürgern mit Verachtung begegnen. Aus der Sicht dieser Mächtigen sind wir Untertanen oder Zielgruppen, Unterworfene am unteren Ende der ungleichen Informationsverteilung. Etliche Großprojekte sollen dieses Unterordnungsverhältnis noch zementieren. Die US-Informatikervereinigung schätzte jüngst, dass mehr als die Hälfte der kommerziell verwertbaren, aber noch ungenutzten Daten in den Speichern der weltweit installierten Überwachungskameras ruhe – "Big Data" will auch diesen Schatz heben.

Kürzlich hat Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, davor gewarnt, dass auf diese Weise "der determinierte Mensch" entstehe. Ganz so pessimistisch müssen wir nicht sein. Zum Glück ist der Planet noch immer milliardenfach von Eigensinnigen bevölkert und nicht von maschinenabhängigen Zwergen.

Da brauchen wir nur die aktuellen Nachrichten zu verfolgen. Gerade jetzt, im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, vergeht kaum ein Tag, ohne dass wir von Rebellionen hören. Selbst in den gefestigten Demokratien, oder vielleicht gerade dort, ist Dissidenz alltäglich.