Mehr noch, just die Kritiker und Andersdenkenden sind allesamt "Tastendrücker". Sie bedienen sich der Netztechniken, um sich zu artikulieren und zu versammeln. Nicht zuletzt, um sich gegen netzgestützte Manipulation und Überwachung zu wenden. Sie sind keine Marionetten. Sie recken die Fäuste – um mit ihren Handys die Polizei zu fotografieren.

Was sie wohl von dem jüngsten Aufruf Hans Magnus Enzensbergers halten würden, die rebellierenden Bürger in Kiew, Istanbul oder Rio? "Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg", mit diesen Worten hat der Schriftsteller vor wenigen Tagen seinen Protest gegen die herrschende Netzökonomie eingeleitet. Eine alberne Geste. Stattdessen sollten wir eine neue Politik fordern, die mehr ist als bloß Netzpolitik, die vielmehr aufs Ganze der digitalen Technosphäre geht.

Über die Achtung der Menschenwürde zu wachen ist nach unserem Grundgesetz Staatsaufgabe. Wir brauchen dafür eine Digitalpolitik, die beispielsweise einen Rechtekatalog formuliert – beginnend mit dem Recht auf Privatsphäre; es müssten Informations- und Konsumentenrechte hinzukommen, außerdem haftungsrechtliche Regeln, auf die sich der Bürger stützen kann, ob gegen den Staat oder gegen wirtschaftlich Mächtige.

Mit anderen Worten: Dies ist der Moment, Vorschläge zu machen. Ins Detail zu gehen. Regelwerke für Softwarequalität zum Beispiel zielen bislang auf sicheres Funktionieren und dergleichen, das ist ja auch vernünftig, reicht indes bei Weitem nicht aus. Man sollte über staatliche oder berufsständische Normen für den Entwurf von Software nachdenken, so wie sie auch für Ärzte oder Rechtsanwälte gelten.

Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, bis zum Sommer eine Digitalpolitik zu entwerfen. So will sie beispielsweise Software auch unter dem Gesichtspunkt des Datenschutzes zertifizieren lassen. Das wäre ein Anfang, wenn auch recht klein für eine große Koalition. Weshalb es Zeit – aber auch nicht zu spät – ist für eine intensive Technikdebatte.