Es ist ein Ort mit Tradition, an dem viele Erinnerungen hängen. Seit mehr als hundert Jahren erfüllten sich Wiener Kinder auf dem Gelände des Wiener Eislaufvereins ihre Winterträume. Noch bis Ende vergangener Woche zogen hier die Schlittschuhläufer ihre Kreise. Inzwischen ist wieder Ruhe eingekehrt an der Lothringerstraße. Erst im Sommer wird wieder Leben einziehen, wenn Arbeiter Sand aufschütten und Gastro-Buden öffnen. Doch selbst der Beach-Club Sand in the City wird wenig an der trübseligen Stimmung des Platzes im dritten Wiener Gemeindebezirk ändern. Das angrenzende Hotel Intercontinental, in seinem Baujahr 1964 ein erster Fußabdruck Amerikas, mutet heute wie ein Plattenbau an, während die kleinen Nutzbauten des Eislaufvereins den schäbigen Charme der sechziger Jahre verströmen.

Die Tage der Tristesse könnten allerdings bald gezählt sein: Auf dem 15.400 Quadratmeter großen Gelände zwischen Stadtpark und Konzerthaus soll ein millionenschweres Bauprojekt verwirklicht werden, das allerdings höchst umstritten ist. Es drohe der Ausverkauf der Stadt an finanzkräftige Investoren, sagen Kritiker. Ist das Megaprojekt wirklich ein Bruch der Bautradition mit Vorbildwirkung für alle weiteren Städteplanungen?

Der Konflikt rührt an eine grundsätzliche Frage: Wessen Interessen sind es, die in der Großstadt Wien Vorrang genießen? Der Wunsch der Bevölkerung nach frei verfügbarem öffentlichen Raum gerät in Widerstreit mit den Bestrebungen eines Immobilienentwicklers, der vor allem will, dass seine Investitionen einen möglichst hohen Gewinn abwerfen. Zugleich stehen auch die Grünen, die in der Wiener Stadtregierung das Planungsressort zu verantworten haben, auf dem Prüfstand.

Das Areal des Eislaufvereins ist das letzte große unverbaute Gelände im innerstädtischen Bereich – ein Filetstück, bei dem Bauhaien das Wasser im Mund zusammenläuft. Zugleich befindet sich hier allerdings auch eine besonders traditionsreiche Freizeiteinrichtung, die über einen Pachtvertrag verfügt, der noch einige Jahrzehnte läuft. Als das Grundstück vor sechs Jahren vom Stadterweiterungsfonds, die Bundesbehörde ist ein Relikt der Ringstraßen-Ära, privatisiert wurden, schrillten zahlreiche Alarmglocken. Ein langes Tauziehen folgte.

Vergangene Woche wurde nun von dem Bauherrn WertInvest und der Stadt Wien der Sieger des abschließenden Architekturwettbewerbs vorgestellt. Der Brasilianer Isay Weinfeld aus São Paulo soll für eine Investitionssumme von 220 bis 300 Millionen Euro von 2016 an nicht nur das Hotel Intercontinental verschönern und erweitern, sondern auch einen urbanen "Hotspot" schaffen: am besten so hip wie das Museumsquartier. Als Cash-Cow für die Investitionen sehen die Pläne einen 73 Meter hohen Turm vor, mit Apartments für betuchte Anleger.

"Wien entwickelt sich, und dem muss die Stadt mit neuen Angeboten Rechnung tragen", erklärte Thomas Madreiter, Planungsdirektor der Stadt. "Hier wird aus einem abgeschlossenen Gelände ein großzügiger Platz, der allen offensteht." Weinfelds Entwurf sei ausgewählt worden, weil er das Potenzial des Standortes und der Architektur anerkenne, modifiziere und erweitere: Der Freiluft-Eislaufplatz bleibe bestehen, ebenso wie das schon reichlich angejahrte Hotelgebäude. Während das Eislaufgelände zur Lothringerstraße hin frei werde und einen offenen Platz bilde, soll das Areal an der Heumarkt-Seite mit einem viergeschossigen Bauwerk begrenzt werden. Der Eislaufverein soll eine ganzjährig nutzbare Trainingshalle erhalten und das Akademische Gymnasium einen Turnsaal. Außerdem – so verspricht der Investor – werde es ein öffentliches Hallenbad mit 50-Meter-Sportbecken geben.

Laut Rechnungshof ist das Grundstück zu billig verkauft worden

Was in den Beschreibungen des Entwicklerteams so appetitlich klingt, verdirbt anderen den Magen. Das Projekt, so formuliert es der Wiener Architekt und Architekturforscher Otto Kapfinger, sei "architektonisch und in der Proportion äußerst schwach, nichtssagend, funktional und ökonomisch extrem fragwürdig", ein Bruch mit der Bautradition am Glacis, jener Freifläche, auf der nach dem Abbruch der alten Stadtbefestigung die erste Stadterweiterung von Wien stattfand. Dem Projekt komme vor allem deshalb so große Bedeutung zu, weil es sich um einen Probelauf für künftige Hochhaus-Widmungen in Zentrumslage handle. Schließlich kritisiert Kapfinger einen Ausverkauf öffentlicher Flächen an private Investoren, die von den Umwidmungen massiv profitieren würden. Andreas Vass von der Österreichischen Gesellschaft für Architektur stellt sogar die völlige Aufgabe städtebaulicher Steuerungskompetenz fest: "Die Stadt lässt sich von reichen Investoren vor sich hertreiben."