Solipsisten sind in der Literatur etwas aus der Mode gekommen: Figuren, die die restliche Welt runterrechnen auf sich selbst und ihr die Anerkennung verweigern, weil das Außen sowieso nur die bloße Konstruktion des Bewusstseins ist. Der Philosoph Max Stirner brachte es mal auf den Punkt: Mir geht nichts über mich. Wenn Prosa aus diesem Geist heraus entsteht, neigt sie zuweilen zur überheblichen Geste, hinter der oft nicht mehr steckt als verkunstete Weinerlichkeit.

All das findet man auch in Heinz Helles Debütroman, der allerdings zu intelligent und zu souverän ist, um sich allein auf preisgünstigen Weltekel zurückzuziehen: Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin ist die kurze Tragödie eines in sich verkapselten Ichs. Ein namenloser Erzähler reist darin nach New York. Er ist Philosophiestudent und muss einen akademischen Vortrag vorbereiten, treffenderweise über das Bewusstsein. Ein junger Mann, der mit einem seltsamen, mechanischen Phlegma durchs Leben geht, das Helle in einer von allem Ornament befreiten Sprache beschreibt: "Ich sitze an einem Schreibtisch. Es ist ein Schreibtisch wie andere auch. Um mich herum sitzen Menschen an anderen Schreibtischen, und wir alle sind mit Aufgaben betraut, für deren Erfüllung man uns etwas gibt, das wir eintauschen können gegen Nahrung, Kleidung und Unterkunft."

So mäandert der Roman durch Reflexionen und Gedankenschleifen. Der junge Mann bezieht eine abgelegene Wohnung, er betrinkt sich teilnahmslos mit Kollegen, er denkt an Sex, New York wirkt auf ihn wie ein unechtes Disneyland für Touristen. Mit seiner Exfreundin verwaltet er nebenher die Konkursmasse ihrer verblühten Romanze, deren Vorgeschichte in den Roman zwischengeschaltet ist. Dann kippt der Roman vom "Ich" ins "Wir". Dieses grammatische Spiel mit den Personalpronomen (so banal das zunächst klingt) ist bemerkenswert gut gemacht. In seiner praktischen Beziehungsarmut zur Welt hat sich der Erzähler lediglich eine theoretische Ordnungsmethode bewahrt: Flugzeuge fliegen mit explodierendem Kerosin, er selbst besteht aus Sequenzen von Desoxyribonukleinsäure, er kennt den Stand seines Sparbuchs bis auf die Kommastellen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Nachdem seine ehemalige Freundin das gemeinsame Kind abgetrieben hat, lässt sie "totes organisches Material aus ihrer Vagina in die Toilette laufen". In der Abtreibung liegt die große Verletzung des Erzählers, und da es deswegen kein intaktes Wir mehr geben kann, soll es fortan nur noch ein Ich geben, schwankend zwischen übertriebener maskuliner Selbstversicherung (Fußball, Suff) und sterilem philosophischem Erkenntniswillen, zwischen Bewusstlosigkeit und Bewusstsein. Aus diesem Oszillieren zieht der Roman seine beachtliche Energie. Helle, Jahrgang 1978, hat selbst Philosophie studiert, ehe er das Schweizer Literaturinstitut in Biel absolviert hat. Im vergangenen Jahr erhielt er in Klagenfurt, wo er einen Auszug aus dem Roman las, den Ernst-Willner-Preis. Dort klang es noch nach einer Konfektionserzählung über die saturierte Langeweile eines Paares. Umso überraschender nun, dass in diesem Debüt eine nahezu makellose, treibende Geschichte einer totalen Entfremdung geglückt ist.