Eine Kuh wird in Indien verehrt und beschützt. Aghnya heißt sie im Sanskrit, die Unantastbare. Anders als Kühe sind Frauen in Indien sehr antastbar. Kaum ein Thema macht dort so viele Schlagzeilen wie Massenvergewaltigungen von Frauen. In dem sich modernisierenden Land sind Vergewaltigungen das Verbrechen mit der größten Wachstumsrate – und Teil eines Kulturkampfes, in dem es um Emanzipation, vor allem aber um Rechtsstaatlichkeit geht.

Die in Wien aufgewachsene Journalistin Amana Fontanella-Khan erzählt in ihrem Buch Pink Sari Revolution die Geschichte zweier Frauen in Uttar Pradesh, Indiens größtem Bundesstaat. Die 17-jährige Sheelu wird Opfer einer Vergewaltigung, die 50-jährige Sampat Pal, Gründerin von Gulabi Gang, der bekanntesten Frauengruppe Indiens, nimmt sich ihrer an.

Das erste Opfer in diesem Buch ist keine Frau, sondern ein Mann, Sheelus Vater. Im Haus eines mächtigen Lokalpolitikers wird er über einem Feuer gefoltert. Seine Tochter soll den Politiker bestohlen haben. Sheelu wird ins Gefängnis gesperrt. Es ist eine Geschichte, wie sie wahrscheinlich täglich in Uttar Pradesh geschieht. Selten interessiert sich die korrupte Polizei für Menschen, die nicht zahlen können. Irgendjemand erzählt der Frauenrechtlerin Sampat Pal von Sheelu, und sie nimmt sich ihr an.

Sampat Pal ist eine ungewöhnliche Frau: laut, unbeherrscht und von sich selbst überzeugt; das Gegenteil dessen, was man von einer mittellosen Inderin erwarten würde. Bereits als Kind wusste Sampat Pal, was sie wollte, zum Beispiel lesen und schreiben lernen. Weil sie als Mädchen von der Schule ausgeschlossen war, drohte sie Jungen Prügel an, wenn sie ihr nicht beibringen würden, was sie gelernt haben. Als erwachsene Frau gründet Sampat Pal 2006 die Gulabi Gang. Bei ihrer ersten Aktion besteht die Gruppe aus ein paar Dutzend Frauen, die in pinkfarbene Saris und mit Stöcken bewaffnet, den Verkehr lahmlegen, um für den Bau einer Straße zu demonstrieren. Ein Journalist tauft die Gruppe Gulabi Gang – nach der pinkfarbenen indischen Süßspeise Gulab.

Die kämpferische Sampat Pal hat eine Vision: Sie will, dass die Frauen aus ihren Häusern kommen. Sie fährt in die kleinen Orte und predigt auf den Dorfplätzen, wie man von Beamten etwas einfordert, das einem zusteht, etwa Lebensmittelkarten. Sie appelliert an die Frauen, sich gegenseitig zu helfen, wenn eine von ihnen geschlagen wird. Sampat Pals Auftritte sind eindrucksvoll, zu ihren Techniken gehört, dass sie Leute neben ihr anrempelt oder jäh herumfahrend Zuschauern rhetorische Fragen stellt oder laut in die Hände klatscht.

Fontanella-Khans Reportage liest sich an vielen Stellen wie ein Roman. Mit bilderreichen Beschreibungen von Orten und Ereignissen zeigt sie, wie sehr in Indien das Neue mit dem Alten ringt. Schauplatz ist das trockene Hochland Uttar Pradeshs. Hier leben in kargen Lehmhütten Familien, die sozial ganz unten stehen. Die Frauen werden oft schon als Kinder verheiratet und gelten schnell als nichtsnutzig, wenn sie Mädchen gebären. Zweifel an ihrer Sittsamkeit kann für eine Frau den Ruin bedeuten. Noch immer gibt es das grausame Ritual Sati, bei dem sich Witwen auf dem Scheiterhaufen opfern.