Letztendlich sind die Künstler schuld. Daran, dass wir auch spätabends und am Wochenende stets auf unsere Smartphones schielen und Arbeits-E-Mails beantworten, dass wir arbeiten, statt mit unseren Kindern zu spielen, Romane zu lesen oder in Muße vor uns hinzuträumen. Waren es nicht Künstler, die einst alle Grenzbefestigungen zwischen Arbeit und Freizeit einrissen? Spätestens mit dem Aufstieg des Neoliberalismus wurden sie zu Leitfiguren des Kapitalismus. Zusammen mit den Sportlern stehen die Künstler seitdem für all jene Tugenden, die nicht nur die modernen Unternehmer, sondern auch deren erfolgreiche Angestellte und Arbeiter auszeichnen sollen: Sie identifizieren sich vollkommen mit ihrem Werk oder Produkt, sie sind hochflexibel, was die Produktionszeiten und -orte angeht, und sie optimieren sich und die Arbeitsprozesse laufend weiter. Das Wort Kreativität wurde von der Ökonomie okkupiert, es beschreibt jetzt vor allem solche Denkleistungen, die Effektivität und damit den Profit erhöhen helfen. Arbeit darf nicht mehr nur Sinn geben und Spaß machen – sie muss es. Entfremdung wird durch sogenannte Wohlfühlangebote kaschiert und selbst die schlechtbezahlteste Angestellte einer Mediaagentur muss ihre Einsatzbereitschaft freudig demonstrieren, wenn die nächsten unbezahlten Überstunden anstehen. Bis zur totalen Erschöpfung.

Die Analysen und Klagen über diesen Wandel der Arbeitswelt sind inzwischen Legion, unzählige Bücher und Artikel wurden dazu geschrieben. Doch was sagen die Künstler, die doch als Vorbilder herhalten mussten, dazu?

Playtime heißt die überaus sehenswerte Ausstellung, in der das Münchner Lenbachhaus nun (zumeist) kritische Kunst zu den gegenwärtigen Arbeitsweisen versammelt. Ausgehend von dem gleichnamigen Spielfilm Jacques Tatis von 1967, in dem dieser sich eine zukünftige Arbeitswelt als absurden, dysfunktional automatisierten Zirkus ausgemalt hatte, versuchen die Münchner Kuratorinnen Katrin Dillkofer und Elisabeth Giers unter Leitung ihres Direktors Matthias Mühling zunächst einmal das Problem zu lösen, wie sich der Arbeitswandel in der Kunst überhaupt darstellen lässt.

Die alte Arbeitswelt, in der große Unternehmen den Wert der Arbeit noch per Stechuhr maßen, hatte der taiwanesisch-amerikanische Künstler Tehching Hsieh 1980 mit seiner ultraharten One Year Performance ausgetestet: Ein Jahr lang stempelte er in grauer Arbeitskluft zu jeder vollen Stunde, egal ob Tag oder Nacht, eine Stechkarte und machte dabei ein Bild von sich. Spielt man diese Tausenden Beweisfotos als zusammenhängenden Film ab, so sieht man, wie dem zu Beginn glatzköpfig rasierten Künstler über die Monate lange Haare wachsen. Und wie die Erschöpfung irgendwann seine kontrollierten Gesichtszüge zeichnet.

Heute ist der Kapitalismus längst weiter, am eindrucksvollsten machen das in der Münchner Ausstellung einige Filme sichtbar. Ali Kazma zeigt in Automobile Factory (2012) elf Minuten lang kommentarlos die Arbeitsabläufe bei Audi in Ingolstadt: Es ist ein wundersamer Tanz der Roboter mit den Karosserieteilen, ein anmutiges Ballett, bei dem mal hier leise gestanzt, mal dort knisternd geschweißt wird. Die menschliche Arbeit dient fast ausschließlich noch der Qualitätskontrolle, konzentriert und scheinbar unangestrengt befühlen die Arbeiter die Übergänge zwischen Türen und Fenstern, streicheln die noch nicht lackierten Kotflügel auf der Suche nach Fehlern.

Ebenfalls kommentarlos beobachtet Harun Farocki die andere Hierarchieebene des neuen Kapitalismus: In Ein neues Produkt (2012) zeigt er Ausschnitte aus internen Strategiebesprechungen des Quickborner Teams (QT), einer Unternehmensberatung aus Hamburg, die sich auf die effizienzsteigernde Umstrukturierung von Büroflächen spezialisiert hat. Die Berater preisen die "Nonterritorialität", in der niemand mehr im Büro einen festen Schreibtisch hat, sie planen interne Wettkämpfe der Mitarbeiter um die besten Ideen, reden enthusiasmiert davon, dass Angestellte im Dienste eines Unternehmens ihre "Komfortzonen" aufgeben müssen, und malen mit ihren dicken Filzstiften obskure Diagramme auf sogenannte Flipcharts. Das Ziel: Wir alle müssen klüger, schneller, risikobereiter werden.

Das Unternehmen, so viel wird klar, will nicht mehr nur die Arbeitszeit des Angestellten, es will dessen Seele. Der Angestellte soll sich öffnen "wie eine Auster" – so ein externer Berater, von dem sich wiederum die Quickborner Berater "coachen" lassen. Und wenn der Angestellte dann – wie durch ein Sandkorn – verletzt werde, produziere er eine "Perle". Farocki – dem derzeit auch die Ausstellung Ernste Spiele im Berliner Museum Hamburger Bahnhof gewidmet ist – gelingt in diesem halbstündigen Film das Porträt einer Gruppe geradezu prototypischer "organischer Intellektueller" (Antonio Gramsci) des neoliberalen Kapitalismus. Es sind Männer um die fünfzig, sie tragen Anzüge, Krawatten, Siegelringe. Und sie mischen in ihre Betriebswirtschaftssprache auch gerne mal kumpelhafte Wörter wie "geil", "cool" und "Scheiße".

Gibt es Rettung? Die Münchner Ausstellung zeigt einige recht radikale Möglichkeiten des Widerstands auf. Henrik Olesen hat für I Will Not Go to Work Today. I Don’t Think I Will Tomorrow (2010) sein Apple-Notebook fein säuberlich in dessen Einzelteile zerlegt, an die Wand montiert und so sein Produktionsmittel (und seinen Überwachungsapparat) für immer unschädlich gemacht. Und Mladen Stilinović entwickelte bereits 1978 in seiner Fotoserie Artist at Work eine ungeheuer wirksame Taktik gegen die Anforderungen des Arbeitslebens, eine Taktik, die auch heute noch wirksam wäre. Man sieht den Künstler auf diesen Fotos im Bett liegen, schlafend. Oder mit offenen Augen, faul vor sich hin träumend.

Playtime. Lenbachhaus, München, bis 29. Juni. Katalog als E-Book unter www.lenbachhaus.de