Nach rund zwanzig Jahren hatte der Bestsellerautor genug von der Ehe. 1902 reichte er die Scheidung ein. Sein Anwalt zieh die Ehefrau der Untreue, Schwermut, Perversion, außerdem habe sie ihren Gemahl durch "unnütze Anschaffungen" um eine Menge Geld betrogen. Es war klar, worauf dieser Angriff zielte: Die Gattin sollte allein die Schuld am Ehedesaster tragen, der Gatte mit blitzweißer Weste davonkommen. Karl Mays Kalkül ging auf.

Davon berichtet Barbara Beuys in ihrem lesenswerten Buch Die neuen Frauen, das den weiblichen Emanzipationsprozess zu Kaisers Zeiten aufrollt. Emma May, die Frau des Schriftstellers, durfte sich nicht vor Gericht verteidigen. Stattdessen trat die Sekretärin ihres Manns in den Zeugenstand und beeidete dort die angeblichen Verfehlungen der Beklagten. Kaum war die Tinte auf der Scheidungsurkunde getrocknet, führte der Erfolgsautor seine willfährige Angestellte zum Traualtar.

Das Trennungsverfahren der Eheleute May ist ein Beleg dafür, dass das zum 1. Januar 1900 eingeführte Bürgerliche Gesetzbuch den Frauen nicht durchweg zum Vorteil gereichte. Unter dem bis dahin gültigen Preußischen Allgemeinen Landrecht hätte die Beschuldigte geladen, der Betrug bewiesen werden müssen.

Die Frauenvereine des Deutschen Reichs hatten die negativen Folgen einiger BGB-Paragrafen frühzeitig ausgemacht und waren dagegen Sturm gelaufen. Umsonst. Denn die Männerwelt wähnte sich im Abwehrkampf gegen jenen "Zukunfts-Weiber-Staat", der eine Handvoll Publizisten 1905 zu einer beißenden Schmähschrift veranlasste. Denkern, Politikern, Fabrikanten, selbst fortschrittsbeseelten Künstlern saß demnach die Angst im Nacken, vom Hausherrn zum "Haushaltssklaven" degradiert, ja womöglich "eine olle Tunte" zu werden. Umso mehr pochten sie auf das eherne Prinzip des Patriarchats, das der Maler August Macke seiner Verlobten im gleichen Jahr mit den Worten verkündete: "Die erste und heiligste Pflicht der Frau bleibt die der Mutter."

Wie die Frauen gegen derlei Indienstnahme aufbegehrten und schlagkräftige Allianzen schmiedeten, bereitet Barbara Beuys in einer Art Doppelskizze auf. Sie schildert die Chronologie des Freiheitskampfes und verknüpft jede seiner Stationen mit den Biografien prominenter, mitunter kaum mehr bekannter Pionierinnen, die für die Geschichte der Frauen nicht weniger Bahnbrechendes geleistet haben als Hegel oder Nietzsche für die Gelehrtenrepublik.

Insbesondere die Universitäten erwiesen sich als chauvinistische Bastionen. Umfassende, gar akademische Bildung war bis an die Jahrhundertwende ein Knaben-Privileg, das einzig mit Ausweichmanövern zu brechen war. So zogen Emilie Lehmus und Franziska Tiburtius zum Medizinstudium nach Zürich. Mit Prädikatsexamina dekoriert, kehrten sie als Deutschlands erste Ärztinnen zurück – und sahen sich unverzüglich als "Kurpfuscher" gebrandmarkt. Mantramäßig predigten Auguren wie der Münchner Anatomie-Professor Theodor Bischoff, dass die Frau "dem Kinde näher steht als dem Mann" und deshalb kein Talent "zur Pflege und Ausübung der Wissenschaften" besitze.