Der Frühling ist da. Die katholische Kirche macht sich schön und wählt einen Chef aller deutschen Bischöfe. Neue Besen kehren besser und sollen ein Problem beseitigen: das Dauerproblem Limburg. Wo fing es an? Nein, nicht mit der zu groß geratenen Badewanne des Bischofs. Auch nicht mit der Baugrube, in der Gott weiß wie viele Millionen Euro verschwanden. Sondern mit den Menschen in Limburg. Menschen wie Sascha Jung.

"Eine Atmosphäre lähmender Furcht lastet auf dem Bistum", heißt es im Frühjahr 2012 in einem Papier einiger Geistlicher der Diözese. Die Furcht nehme den Bistumsangestellten die Freude an der Arbeit, die Freude an der Kirche. Doch manchen Angestellten ergeht es noch übler. Sie werden kontrolliert, degradiert – oder verlieren gar ihren Job. "Jedem Beschäftigten musste klar sein", heißt es im Herbst 2013 in einem internen Schreiben der Mitarbeitervertretung des Bistums, das der ZEIT vorliegt, dass in "heftige Turbulenzen" gerät, wer den Bischof oder seinen damaligen Generalvikar Franz Kaspar in irgendeiner Weise kritisiert.

Das Arbeitsrecht ist ein scharfes Schwert für Franz-Peter Tebartz-van Elst. Es kann jeden treffen, der zu viele Fragen stellt. Meist trifft es treue Katholiken und mit ihnen ihre Familien. Doch auch wer keine Familie hat, Geistlicher ist und damit unkündbar, kann die Macht des Bischofs zu spüren bekommen. So wie der Priester Sascha Jung, der sich jahrelang von Mitarbeitern des Bischofs überwacht fühlte.

Der 38-Jährige ist nicht irgendwer im Bistum. Bis zum August letzten Jahres war er Kaplan am Limburger Dom und musste die Liturgiereformen des Bischofs exekutieren. Jung ist der erste Diakon, den Franz-Peter Tebartz-van Elst kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2008 weiht. Er ist aber auch einer der ersten Geistlichen, die sich Jahre später gegen ihren Bischof auflehnen. Im August 2013 wird er im Dom eine viel beachtete Predigt halten. Darin rechnet er mit dem Bischof ab: Ein Dom sei kein "Hort klerikaler Eitelkeiten", keine "Spielwiese pontifikaler Prachtentfaltung". In Limburg braucht man für so etwas Mut. Die Gemeinde feiert ihn.

Doch wie wird ein Bischofsfreund zum Widerständler? Alles habe mit einem Missverständnis begonnen, sagt Jung. Er sitzt in seinem Wohnzimmer in Flörsheim, eine halbe Autostunde von Limburg entfernt. Der Bischof habe ihn beim ersten Treffen wohl für einen "Römling", gehalten, einen devoten Karrieristen. Die gibt es zuhauf im Vatikan mit seinen Eitelkeiten, Intrigen, Denunziationen. Mit dieser Hofgesellschaft kann Jung schon während seiner Studienzeit an der päpstlichen Universität Gregoriana wenig anfangen. Überhaupt studierte er nur in Rom, weil Franz Kamphaus, der Vorgänger von Tebartz, ihn darum gebeten hatte. Kamphaus gilt als liberal, aufmüpfig gegenüber dem Papst und will mit Jung einen Vertrauten in Rom: "Kamphaus hat mich geprägt."

Als Franz-Peter Tebartz-van Elst Bischof wird, ist er fest entschlossen, das Bistum wieder gehorsamer und römischer zu machen. Dafür sucht er Leute, die ihm helfen. Jung sagt heute, er habe das nicht gleich erkannt. Als er sich vor seiner Diakonenweihe zum ersten Mal mit Tebartz-van Elst in Limburg trifft, ist Jung beeindruckt. Der Bischof ist höflich und gewinnend. "Ich dachte: ein guter Zuhörer, eine starke Persönlichkeit." Franz-Peter Tebartz-van Elst versteht es, diesen Eindruck zu erwecken. Noch im September 2013, zwei Wochen nach Sascha Jungs gepfefferter Predigt, erreicht den Domkaplan ein Brief seines Bischofs. "In der Tat", schreibt der, "haben Ihre Worte bei nicht wenigen Gläubigen Irritationen ausgelöst. Nichtsdestotrotz ist Kritik unverzichtbar wichtig, und als Bischof möchte ich diese unbedingt hören. Ich denke, dass das Evangelium uns hier zeigt, wie Wege dafür aussehen können und müssen und welche geistliche Diskretion es dafür braucht." – Abmahnungen lesen sich anders.

Doch genau das sei das Problem gewesen mit Franz-Peter Tebartz-van Elst, sagt Jung: Seine Worte passten oft nicht zu seinen Taten. Wenn er wirklich offen für Kritik war, warum hat er die offene Diskussionskultur seines Vorgängers dann beendet? Warum blieb er Sitzungen demonstrativ fern, auf denen er Kritik hätte hören können? Warum forderte er seine Mitarbeiter auf, Kritik zu äußern, strafte sie dann aber ab, wenn sie es taten? Sascha Jung sagt: "Man musste vorsichtig sein bei diesem Bischof." Die ersten Gerüchte hört Sascha Jung kurz nach seiner Priesterweihe in Rom. Freunde aus der Heimat erzählen ihm, dass der Bischof es etwas zu sehr liebe, Bischof zu sein. Er interessiere sich nur für die Liturgie, nicht aber für seine Mitarbeiter oder die Verwaltung des Bistums, heißt es. 2009 kehrt Jung zurück nach Limburg. Als Urlaubsvertretung tingelt er ein paar Wochen über die Dörfer. Er merkt, wie wütend die Limburger auf ihren Bischof sind. Jung will versöhnen, wirbt um Verständnis. Da steht er im Ruf, ein Günstling von Tebartz zu sein.

Einige Monate später – Sascha Jung ist wieder in Rom – wartet er darauf, dass der Bischof ihm sagt, was aus ihm wird. Tebartz-van Elst will ihn treffen. Zusammen spazieren sie über den Petersplatz. Der eine groß, dünn, mit Brille. Der andere auch. Jung erfährt, dass sein Bischof viel mit ihm vorhat. Er soll abseits des Stellenplans Kaplan am Dom und in zwei weiteren Pfarreien werden, Religionsunterricht an einer staatlichen und einer katholischen Schule geben, das Domzeremoniale überarbeiten, die Domsingknaben spirituell betreuen, dem Priesternachwuchs der Diözese zur Seite stehen und die Ministrantenarbeit koordinieren. Der Posten wirkt wie eine Strafe: Jung soll sich krumm buckeln? Doch Strafe wofür? Sascha Jung weiß es nicht. Trotzdem sagt er Ja.

Als Domkaplan muss er dann dem Bischof helfen, dessen Vorstellung von Liturgie durchzusetzen. Tebartz-van Elst will alles im Dom sehen, was der Katholizismus an Pomp hergibt. Erstmals fragt der Kaplan sich: Wofür das Ganze? Für die Menschen? Für Gott? Er findet, alles drehe sich um den Bischof und darum, wie er besser wirken und strahlen könne. Von da an wächst der Zweifel in Sascha Jung. Warum etwa gibt der Bischof ihm die Anweisung, die Zahl der im Religionsunterricht "gewinnbaren Schüler" für den Messdienerdienst zu "maximieren"? Weiß er nicht, dass die Schule keine katholische Rekrutierungsstelle ist? Glaubt er, dass man seine bischöfliche Autorität an der Zahl der Messdiener abliest?