Demokratie kann Angst machen. Nachdem das Verfassungsgericht die Sperrklausel für die Europawahlen abgeschafft hat, sorgt sich nun mancher um die Fünfprozenthürde bei Bundestagswahlen. Unionspolitiker und der ehemalige Verfassungrichter Hans-Jürgen Papier fordern gar, die Hürde ins Grundgesetz zu schreiben. Denn was in der Verfassung steht, können die Richter nicht mehr für verfassungswidrig erklären.

Doch statt die Hürde auf diese Weise zu zementieren, sollte sie gesenkt werden. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst sind so viele Stimmen wie noch nie der Sperrklausel zum Opfer gefallen – knapp 16 Prozent, nur etwas weniger Stimmen, als Linke und Grüne zusammen hatten. Wenn eine Hürde einen so großen Teil der Wähler ausschließt, ist sie zu hoch angesetzt.

Sperrklauseln sollen stabile Mehrheiten garantieren und Kleinstfraktionen verhindern, die den Bundestag zersplittern. Dafür muss bis heute die unregierbar gewordene Weimarer Republik als Mahnmal herhalten. Und tatsächlich wäre es falsch, komplett auf eine Klausel zu verzichten, wie das einige Oppositionspolitiker fordern. Ohne Hürde säßen heute weit über ein Dutzend Fraktionen im Bundestag; große Koalitionen würden eher zur Regel als zur Ausnahme.

Aber 80 Jahre nach Weimar stellt sich die Frage: Wie weit lässt sich die Zugangshürde absenken, um mehr Wählerstimmen in der Sitzverteilung zu berücksichtigen? Statt willkürliche Zahlenwerte vorzuschlagen, müssen zwei Obergrenzen diskutiert werden: eine Höchstzahl an Fraktionen und der Anteil an Wählerstimmen, der unter den Tisch fallen darf. Wahlforscher halten den Bundestag auch mit bis zu sieben Fraktionen noch für arbeitsfähig. Und als verkraftbare Größe an nicht berücksichtigten Wählern sind dieser Tage fünf Prozent aller Stimmen im Gespräch.

Schaut man sich die vergangenen Bundestagswahlen an, würde eine Zweiprozenthürde diese Kriterien erfüllen: Nur ein sehr geringer Anteil an Wählerstimmen wäre unwirksam geworden. Gleichzeitig hätte sich die Zahl der Fraktionen nicht zu stark erhöht. Heute wären sie im Bundestag zu siebt, FDP, AfD und die Piraten wären mit dabei. Weimarer Verhältnisse sehen anders aus.

Wie unliebsam einzelne Parteien auch sein mögen, bei der Diskussion über Sperrklauseln darf das keine Rolle spielen. Extremisten aus dem Staatsapparat fernzuhalten ist Aufgabe der Gesellschaft. Prozenthürden haben damit nichts zu tun.