Im Groll hatten schon viele Direktoren dem traditionsreichen Nationaltheater den Rücken gekehrt. Doch kein Einziger von ihnen musste in der 238-jährigen Geschichte der heutigen Staatsbühne derart abrupt seinen Abschied nehmen wie Matthias Hartmann am Dienstag. Bei einem Frühstückstermin feuerte ihn Kulturminister Josef Ostermayer ganz unsentimental aus dem Direktionsbüro des Burgtheaters. Ein Knalleffekt, der so wohl auch für den 51-jährigen Norddeutschen überraschend kam.

Der drastische Schritt entsprach in keiner Weise der Art, wie sonst Affären im öffentlichen Bereich breitgetreten, anstatt bereinigt werden. Nachdem im Dezember des vergangenen Jahres die Vizedirektorin und ehemalige Geschäftsführerin Silvia Stantejsky, der merkwürdige Praktiken bei der Buchführung vorgeworfen wurden, fristlos entlassen worden war, entwickelte sich die neueste Burgtheater-Krise auf breiter Front zu einem undurchsichtigen Skandal, bei dem die Verantwortlichen mit Millionenbeträgen jonglierten und Ausreden bemühten. Hartmann zog sich in seine Künstlerseele zurück, die nichts mit schnöden Kaufmannsstand zu schaffen haben mochte. Alle Schuld für das Finanzchaos und ein Defizit in der Höhe von 8,4 Millionen Euro schienen an der glücklosen Silvia Stantejsky haften zu bleiben. An der Burg, so klagten die Ensemblemitglieder, herrsche ein "Klima der Angst", und sie sprachen ihrem Chef das Misstrauen aus. Die Verwirrung um Honorarzahlungen, Produktionskosten und Transaktionen war drauf und dran in Hypo-Dimensionen vorzustoßen.

Alles in allem bot das Spektakel das gewohnte Bild österreichischen Affärentheaters. Doch der Kulturminister wollte dabei offensichtlich nicht mitspielen. Nachdem Josef Ostermayer seine neue Funktion offiziell am 1. März übernommen hatte, ließ er keine Zeit verstreichen und begann, die Angelegenheit einem raschen Ende zuzuführen. Keine zwei Wochen später waren Dinge klar. Die Zielstrebigkeit beeindruckte auch die Opposition. Sogar ein kritischer Geist wie der grüne Kultursprecher Wolfgang Zinggl zollte dem smarten Burgenländer Respekt.

Ohne die Miene zu verziehen, präsentierte der am Dienstag ein Gutachten, das dem Burgtheater-Direktor grobe Pflichtwidrigkeiten vorwarf: Weder habe in den vergangenen Jahren in dem Musentempel ein "ordnungsgemäßes Rechnungswesen" noch ein "funktionierendes internes Kontrollsystem" existiert. In der nüchternen Sprache des Verwaltungsjuristen erklärte Ostermayer, er habe leider den Direktor seines Amtes entheben müssen, "um weiteren Schaden von der Republik abzuwenden". Schon allein, um möglichst gute Karten in dem anstehenden Gerichtsverfahren zu haben, mit dem Hartmann seine Entlassung bekämpfen will, werden nun wohl noch zahlreiche Details eines insgesamt nicht sonderlich mitreißenden Intermezzos ausgegraben werden.

Im Haus ohne Hüter ist indes die Konfusion groß. Selbst altgediente Haudegen und in allen Theaterintrigen bewanderte Mimen sind sprachlos. Bis 19. März soll eine interimistische Leitung bestellt und danach die Direktion neu ausgeschrieben werden. Niemand weiß, wie der Spielplan für die nächste Saison zustande kommen soll. Eher unwahrscheinlich, dass Hartmann die für den 6. April geplante Premiere seines eigenen Stückes zu Ende inszenieren wird. Und in den Wolken steht auch, ob das für die Salzburger Festspiele geplante Megaprojekt des Burgtheaters, bei dem Hartmann das Weltkriegsdrama Die letzten Tage Menschheit von Karl Kraus auf die Bühne wuchten soll (das Burg-Ensemble in 500 Rollen), jetzt noch stattfinden kann.