Wo hört die Medizin auf, weil die Diplomatie beginnt? Wenn ein Klinikchef die wichtigste Politikerin eines taumelnden Staates während ihres Hungerstreiks unterstützt? Wenn er Medien erklären muss, warum diese Politikerin nach Berlin kommt, statt auf ein Krankenhaus ihres Heimatlandes zu vertrauen?

Samstagnachmittag vergangener Woche in Berlin, Kamerateams von Sendern aus der ganzen Welt stehen in einem hohen Gründerzeitsaal des Universitätskrankenhauses Charité. Klinikchef Karl Max Einhäupl, dunkler Anzug, weißes Haar, sitzt mit einem Ärzteteam an einem langen Tisch und erklärt, wie es seiner Patientin Julia Timoschenko geht. Die frühere Regierungschefin der Ukraine, die ihr Nachfolger Viktor Janukowitsch einsperren ließ und die nun, nach ihrer Freilassung, als Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen gilt, ist am Vorabend eingetroffen. Sie will sich in Berlin wegen eines Bandscheibenvorfalls behandeln lassen. Einhäupl betreut sie seit zweieinhalb Jahren, er ist mit Kollegen mehrfach in die Ukraine gereist und hat mit den Behörden verhandelt, als seine Patientin in den Hungerstreik getreten war. Nun braucht sie ihn wieder. Timoschenkos Schmerzen sind so stark, dass sie nicht ohne Hilfe gehen kann.

Einhäupl ist Professor für Neurologie und Vorstandsvorsitzender des Berliner Klinikums Charité. An Tagen wie diesen ist er außerdem noch Diplomat, es geht nicht anders. Wann Timoschenko Interviews gegeben kann, wer vorgelassen wird, wer wann in der Bundesregierung von ihrer Anreise erfährt und vor allem wie schnell Timoschenko wieder Politik in ihrem Heimatland machen kann – bei all diesen Fragen redet der Professor mit. Wie auch bei anderen Politikern, von deren Behandlung die Öffentlichkeit nie offiziell erfährt. Davon gibt es viele. Der frühere irakische Präsident Dschalal Talabani wurde in der Charité behandelt, Mitglieder arabischer Königshäuser, viele einflussreiche Russen. Weil diese Behandlungen auch das Bild Deutschlands prägen und daraus oft geschäftliche und politische Bindungen entstehen, ist Einhäupl Gesundheits-Außenpolitiker.

Der internationale Markt für Gesundheitsleistungen wächst. Während sich in Ländern wie Russland und China früher nur Eliten die Behandlung in Deutschland leisten konnten, sind jetzt immer mehr Angehörige der Mittelschicht mobil. Preiswerte Flüge, ausführliche Informationen im Internet sowie nach Deutschland ausgewanderte Verwandte machen es leichter, hier die optimale Behandlung zu finden. Allein in Berlin hat sich ein halbes Dutzend Agenturen darauf spezialisiert, ausländische Patienten zu vermitteln. Einhäupl wünscht sich deshalb eine offizielle Gesundheits-Außenpolitik der Regierung. Im Auswärtigen Amt gibt es ein Fachreferat für Energiefragen, aber nicht für Gesundheit.

Immerhin hören auf Einhäupl fast alle Mächtigen der deutschen Politik – schließlich wurden viele von ihnen an der Charité behandelt. Die Kanzlerin ließ kürzlich ihre Hüfte hier reparieren, Außenminister Frank-Walter Steinmeier wandte sich an die Charité, um seiner Frau eine Niere zu spenden. Ärzte und Pflegepersonal sind geübt darin, Politiker über Hintereingänge und Kellertüren in die Behandlungsräume zu begleiten.

In der Charité gibt es zwar, anders als in einigen Privatkrankenhäusern, wenig Luxus für deutsche Politiker oder ausländische Staatsgäste – dafür aber Erfahrung mit Sicherheitsproblemen und viel Platz für Bodyguards. Wer als Prominenter eincheckt, wird unter einem Pseudonym geführt. So will die Klinikleitung erschweren, dass heikle Krankendaten an die Öffentlichkeit gelangen. In der Regel funktioniert das System. Die meisten Ausländer, auch die Vermögenden, wollten ausdrücklich in derselben Klinik behandelt werden wie die deutschen Patienten auch, erklärt Helmar Wauer, einer der Geschäftsführer der Charité Health Care Services, die für ausländische Patienten zuständig ist. Man erwarte hier die beste Versorgung, eher als in Kliniken, die auf wohlhabende Patienten aus dem Ausland spezialisiert sind.

Die Charité wirbt mittlerweile auf ihrer Homepage in vier verschiedenen Sprachen für ihre Behandlungen. Besonders viele Patienten kommen aus russischsprachigen und arabischen Ländern. Alle werden grundsätzlich nur gegen Vorkasse behandelt. Das schließt nicht aus, dass ein Patient mit einer scheinbar leichten Krankheit eingeliefert wird, die sich dann als Tumor erweist – und in solchen Fällen die Behandlung doch noch teurer wird. Aber insgesamt übersteigen die Einnahmen die Kosten des internationalen Geschäfts.