Tief und verraucht ist die Stimme, leicht verführerisch, leicht weise, auf seltsame Art zugleich ruhig und lebendig. Diese Stimme, die vermeintliche Gegensätze aufhebt und in der ein ganzes Leben aufscheint, gehört Jeanne Moreau, der großen Dame des französischen Kinos. Die 86-Jährige spricht französische Sätze für eine kleine deutsche Hörspielproduktion, und auch wer der Sprache nicht mächtig ist, lauscht gebannt. Es sind gar nicht viele Sätze, aber sie verkörpern jene Autorin kongenial, der dieses Hörspiel gilt: Marguerite Duras, die am 4. April einhundert Jahre alt geworden wäre.

Der Regisseur Kai Grehn hat das ein Jahr vor ihrem Tod 1996 erschienene Spätwerk C’est tout (Das ist alles) verarbeitet und dafür Jeanne Moreau im 8. Arrondissement in Paris aufgesucht; die Aufnahmen mit ihr fanden in ihrem Arbeitszimmer statt. Niemand anderes hätte besser gepasst: Jeanne Moreau stand in Duras-Filmen vor der Kamera und verkörperte sie sogar selbst 2001 in Josée Dayans Film Diese Liebe. Moreau und Duras, miteinander befreundet, stehen für die globale Ausstrahlungskraft der französischen Künste nach 1945 – und für ein selbstbewusstes Rollenmodell moderner Weiblichkeit. Es ist nicht das erste Mal, dass Grehn die Schauspielerin gewinnen konnte: Auch bei seiner Adaption von Charles Baudelaires Die künstlichen Paradiese, für die er 2012 den Deutschen Hörbuchpreis bekam, war sie mit dabei, ebenso wie Alexander Fehling. Der 1981 geborene Schauspieler gibt jetzt im Duras-Hörspiel den jungen, tja, Geliebten, der zum Fragesteller für eine alt gewordene Autorin, das Alter Ego der Duras, wird. Großartig ist deren deutsche Stimme: Mechthild Großmann, bekannt als Staatsanwältin im Münsteraner Tatort, spricht noch verrauchter und vom Leben gezeichneter als die ältere Moreau – eine hinreißende Inszenierung der intellektuellen Frau.

Und so entfaltet sich diese rätselhafte Meditation einer alternden Künstlerin. Marguerite Duras hatte dieses Buch aufgrund ihrer letzten Liebeserfahrung mit dem 27-jährigen Yann Andréa entwickelt, der, schwul, ihr seit 1980 zum Sekretär und Pfleger wurde. "Schreiben heißt auch, nicht zu sprechen, heißt: zu schweigen, heißt: lautlos zu schreien": Es ist ein hadernder Abgesang, ein Monolog mit eingeschobenen Frage-Passagen, in dem der Jüngere zum kleinen Trost wird – er verkörpert ja in gewisser Weise auch das Weiterleben. "Wer wird sich an Sie erinnern?", fragt er. Ihre Antwort: "Die jungen Leser. Die kleinen Schüler." Der Zweifel hat im Alter längst die Oberhand gewonnen: "Ich weiß nicht mehr so recht, wer ich bin." Wir hören mäandernde Assoziationen und wuchernde Gedanken, die sich immerfort auf somnambule Weise im Nichts verlieren, hier getragen von Stimmen, die grüblerisch den eigenen Worten hinterherhorchen. Michel Foucault nannte es die "Kunst der Armut", die bei Marguerite Duras herrsche. Gemeint ist eine Kargheit, die verstören kann, ein spätexistenzialistischer Sound, der vor Jahrzehnten so viele begeisterte – mit ihrem Roman Der Liebhaber, in dem sie Erlebnisse ihrer Jugend in Indochina verarbeitete, gelang der Siebzigjährigen immerhin ein Weltbestseller. Entsprechend gestimmt, kann der Hörer auch heute noch ihrer Faszinationskraft erliegen: "Kommen Sie mit ins große Bett. Und dann warten wir, aufs große Nichts."

Der gebürtige Mecklenburger Grehn, Jahrgang 1969, gehört zu den produktivsten Hörspielregisseuren hierzulande. Kürzlich erschien sein außergewöhnliches Mark-Twain-Hörspiel Der geheimnisvolle Fremde , mit Starensemble und Bookletzeichnungen des Künstlers ATAK (Hörbuch Hamburg; 2 CDs, 88 Min., 15,99 €). 2013 produ- zierte er ein weiteres Duras-Hörspiel, La Musica: über den Endkampf eines entliebten Paares (mit Fehling und Birgit Minichmayr). In Das ist alles lässt Grehn uns das Fazit von Marguerite Duras hören: "Ich bin eine Liebende. Du bist ein Liebender." Vielleicht ist das wirklich alles.