Bernhard Duder ist ein zwanghafter Schrittzähler. Am liebsten bewegt er sich in Komfortzonen, im Büro etwa, wo er aus jahrelanger Erfahrung weiß, wie viele Schritte es braucht, um die Tür zu erreichen. Gesellschaft überfordert ihn; schon als Kind hat er am liebsten Tod gespielt, das endgültige Verschwinden geprobt. Er wollte Zauberer werden, nachdem er in einem Zirkus den doppelten Boden entdeckt hatte, studierte dann aber doch Jura und verkleidete sich nicht als Clown, sondern als Anwalt. Sein Anzug geht fast als Tarnkappe durch: Bernhard ist so unscheinbar, dass er niemandem wirklich auffällt. Sein Bruder Jonas hingegen steht überall im Mittelpunkt, schwänzt seine Prüfungen und lebt seinen anarchistischen Traum in einem Leipziger Abrisshaus. Wenn Bernhard seinen Bruder besucht, kann er aus seinen Konventionen und Zwängen ausbrechen: Jonas’ Freunde sind auch seine, sie sitzen gemeinsam auf Eisenbahnbohlen vor dem Lagerfeuer oder pinkeln vom Dach aus in die Regenrinne. Als Bernhard sich jedoch in Gabriele verliebt, stößt ihn Jonas mit den prophetischen Worten "Wir sehen uns wieder, wenn du es vermasselt hast" aus seinem Leben.

Fünf Jahre lang ist Bernhard zu glücklich, um ernsthaft nach Jonas zu suchen. Er ist als Anwalt etabliert und mit Gabriele verheiratet; als seine Frau jedoch unerwartet nach Frankreich reisen muss, nehmen die Schlaf- und Wahrnehmungsstörungen, die ihn bisher nur sporadisch überkommen haben, überhand. Ohne Gabriele fühlt sich für ihn nichts mehr sicher an; binnen weniger Tage liegt Bernhards scheinbar geordnetes Leben in Scherben.

Das Versteck ist nach einem Schema konstruiert, das sich bei Absolventen des Leipziger Literaturinstituts häufig findet: Der Text gibt sich zunächst nüchtern und harmlos, um dann ins Desaster abzudrehen. Um dieses Desaster möglichst überraschend einführen zu können, schießt David Finck übers Ziel hinaus: Er entwickelt eine Hauptfigur, die so langweilig daherkommt, dass man von ihr nichts erwartet. Das dem Roman vorangestellte Zitat von Rilke – "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang" – ist mit Bernhard kaum in Verbindung zu bringen: Er ist weder schrecklich noch schön.

Fincks Nebenfiguren sind alle Beziehungssaboteure, sie taumeln selbstmitleidig durchs Leben, auf der Suche nach "einer echten Kneipe, wie es sie heute nur noch in Filmen gibt, dunkel, dreckig, verraucht". Weil sie diese Kneipe nicht finden können, tragen sie auf offener Straße Wettkämpfe um die schönsten Bonmots aus. "Wer sich nicht mit seinem Schicksal arrangiert, geht daran zugrunde", heißt es da. Oder: "Manchmal ist es leichter zu verlieren als zu gewinnen." Vielleicht hat David Finck einen zeitdiagnostischen Roman über das fragile Glück schreiben wollen – letztendlich aber steht der Leser ratlos vor einem Figurenpersonal, dessen sprachliches Repertoire sich aus Glückskekssprüchen zu speisen scheint. Woran Fincks Schmerzensmänner aber eigentlich leiden und was sie dazu treibt, jede Glücksmöglichkeit nachhaltig zu torpedieren, das bleibt das Geheimnis des Autors.