"Fuck", "Fuck it!", "Fuck me!". Der eingängige Einsilbenfluch, knallig wie ein Pistolenschuss, ist eindeutig die Lieblingsvokabel von Tim Wilkins. Verteilt über knapp 300 Romanseiten, brüllt, denkt, murmelt die Hauptfigur Tim Wilkins, gebürtiger Amerikaner, genau 59 Mal "Fuck!".

Grund zum Fluchen hat der Mann. Wilkins ist am Ende. Er hat seinen Job im Bankgeschäft verloren, wurde von Ehefrau Liz verlassen, die Beziehung zum erwachsenen Sohn ist miserabel, die zum Alkohol eng. Wilkins hockt gottverlassen im Einfamilienhaus in Atwater, einem mittelständischen Stadtteil im Nordosten von Los Angeles, stiert den Flaschenhaufen auf dem Teppich und den Totalschaden seines Lebens an. "Fuck" ist schon der angemessene Begriff für seine Lage. Vor allem aber ist es das angemessene semiotische Signal eines Romans, der zwar in deutscher Sprache geschrieben wurde, aber so restlos durchdrungen ist von amerikanischer Mentalität und Archetypik, von Motiven, Gestalten, Gesten amerikanischer Fantasieproduktion, dass selbst der Satzrhythmus amerikanisiert wirkt. Ebendies macht Allmählich wird es Tag (Piper Verlag, München 2014; 304 S., 19.99 €), das Romandebüt der transatlantisch erfolgreichen Schauspielerin und Autorin Franka Potente, zu einem erstaunlichen Fall deutscher Auswanderungsliteratur.

Mit deutscher Einwanderungsliteratur, von Emine Sevgi Özdamar bis zu Olga Grjasnowa, Alina Bronsky, Terézia Mora, Saša Stanišić, Maria Cecilia Barbetta, Abbas Khider, Katja Petrowskaja sind wir mittlerweile vertraut. Aber es gibt auch den umgekehrten, aus Deutschland hinausführenden Weg: von Berlin nach Los Angeles beispielsweise, den Franka Potente einschlug. Vor einigen Jahren ließ sie sich in der kalifornischen Megacity nieder, heiratete einen amerikanischen Filmkollegen und gründete mit ihm eine Familie. Sie hat nun, in spürbarer Distanz zum Hollywood-Zirkus und ebenso spürbarer Nähe zum filmischen Denken, einen Los-Angeles-Roman verfasst, der davon zeugt, wie sich literarische Anverwandlung von Fremde vollzieht. Franka Potente wechselte, anders als die oben Genannten, nicht in eine andere Sprache. Aber in einen anderen Imaginationsraum, den sie mit verblüffender Konsequenz nicht von außen, sondern von innen betrachtet.

Dass ihre Geschichte vom Loser Wilkins, der sich berappelt und am Ende wiederfindet, in amerikanischer Szenerie spielt, ergibt sich aus dem Sujet, ist folglich nicht im Geringsten bemerkenswert. Nein, das Bemerkenswerte liegt in einer Lücke: Es gibt in Potentes Buch keine einzige Stelle, die auf ihre Herkunft schließen ließe. Keine einzige Nebenfigur, die – ein typisches Merkmal transkultureller Literatur – der Relation oder Reibung zwischen alter und neuer Lebenswelt diente. Europa, Deutschland, Berlin – das alles findet nicht das leiseste Echo.

Genau das bezeichnet den Unterschied zu einem Debütroman, der ebenfalls in diesen Tagen erscheint und von einer Deutschen geschrieben wurde, die ebenfalls der Filmbranche entstammt: Amerikanisches Solo von Katja Eichinger, Filmjournalistin, Witwe Bernd Eichingers, trittfest in Hollywood und um Hollywood herum. Auch ihr Roman (Metrolit Verlag, Berlin 2014; 288 S., 19.90 €) spielt in Los Angeles, in der Gegend um den Sunset Boulevard. Er konzentriert sich auf den gleichen Männertypus, dessen Existenzzustand sich am treffendsten mit dem Wort loneliness benennen lässt. Eichingers Hauptfigur heißt Harry Cubs. Er ist, wie Tim Wilkins, ein gebrochener Held, der in vielen Erzählrunden im Solo und in düsteren Selbstgesprächen auftritt. Allerdings ist Harry Cubs beruflich alles andere als verkracht. Er genießt Starruhm in der internationalen Jazzszene. Ein genialer Saxofonist, dem das Publikum zu Füßen liegt. Gekonnt inszeniert Katja Eichinger den Übergang vom zwanghaften Egomanen zum ausgereiften Psychopathen. Denn Cubs, der Frauen bislang nur als Begleiterscheinung hormonell unvermeidbarer Affären kennt, entdeckt in der Nachbarschaft seiner Villa eine weibliche Erscheinung, die ihn um den Rest geistiger Gesundheit bringt: Mona. Er lockt die Schöne ins Haus, sperrt sie tagelang in den panic room im Keller seines Hauses und wird schließlich zum Opfer der eigenen Gefangenen.

In diesen Psychothrillerplot zieht Eichinger eine Subgeschichte ein, in der es um das Spannungsverhältnis des europäischen zum nordamerikanischen Kontinent geht und vice versa. Mona wuchs in Ungarn auf, machte in London eine Modelkarriere. Ihr Ehemann wiederum ist Franzose. Das Paar ist gerade von Paris nach Los Angeles gezogen, just in Harry Cubs’ Nachbarschaft. Dieser narrative Dreh eröffnet dem Roman ein geräumiges Feld, um Motive, Klischees und Ressentiments durchzuspielen, die sich aus dem kulturellen Clash der Luxusvillenbewohner ergeben. Für Cubs ist Monas Gatte ein "französisches Arschloch". Einer von der dekadenten Schwätzer- sorte, wie es sie im "alten Europa" haufenweise gibt. Der amerikanische Psychopath hält sich selbst für normal, für einen idealistischen Retter der Menschheit obendrein. Man merkt, wie viel Spaß es Katja Eichinger macht, ihre Kennerschaft transatlantischer Verhältnisse auszubreiten. Der Ausdruck "uringelber Chardonnay", den sie Harry Cubs in den Mund legt, wird Restaurantbesuche für einige Zeit begleiten.