Lebenskrisen entstehen nicht durch ernsthafte Bedrohungen von außen, sondern gedeihen erst in der Komfortzone eines relativ sorglosen Lebens. Sie sind eine zivilisatorische Errungenschaft. Erst in der Krise emanzipiert sich das Individuum von den Zwängen der Gesellschaft und kommt als freies Wesen zu sich. Das befindet der Literaturkritiker Dirk Knipphals, Redakteur der tageszeitung, in seinem Buch Die Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind. Während er das eigene krisenbiografische Nähkästchen zugunsten theoretisierender Argumentationen meist verschlossen hält, erinnert Knipphals doch an seinen Großvater, der dem Tod in zwei Weltkriegen entronnen war, aus seinem Herzen dann aber für immer eine Mördergrube machte und eine Lebenskrise wohl als Charakterdefizit verachtet hätte. Nicht gut.

Es geht dem 1963 geborenen Autor ums Fühlen und Sprechen der Nachgeborenen, die den "kulturellen Kampf für Lebenskrisen" in den fünfziger Jahren aufgenommen hätten. Das verdeutlicht er an Filmen von Ingmar Bergman und Woody Allen, an Hippies und Punks, städtebaulichen und architektonischen Veränderungen. Der aus der studentischen Wohngemeinschaft abgeschaute Küchentisch zum Beispiel, an dem Paare beim abendlichen Wein ihre Beziehungsprobleme erörtern – ein Kommunikationsveredler. Knipphals referiert Freud, Marx, Camus und Erik H. Erikson und feiert Krisenhelden aus Romanen von Salinger, Yates und Ford. Sein Stichwortfundus ist, kaum überraschend, die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas.

Andere Küchen, andere DVD-Boxen: Dieses Generationen-Buch handelt eher von einem Milieu als von einer Generation, aber das hat es natürlich mit anderen Generationen-Büchern (und gerade den erfolgreichsten) gemein. Auch im Blick auf das von Knipphals gemeinte Milieu fragt sich aber doch, warum ausgerechnet vom Burn-out, diesem Krisen-Signum der Gegenwart, in diesem Essay nicht die Rede ist. Das Burn-out diffamiert die Lebenskrise ja gerade als Mangel, der sich im Funktionsausfall in einer so ganz auf Effizienz zielenden Leistungskultur offenbart. Diese Lücke ist deshalb so schade, weil man den Selbstfindungs-Optimismus dieses an interessanten Beobachtungen überhaupt nicht armen Buches eigentlich liebend gerne teilen würde.